Chapter 3
Kapitel 3 Der finstere Herzog
Der kalte Hauch der Nacht kroch tief in Leos Lungen, ein eisiger Schleier, der seinen entfachten Willen nicht erstickte, sondern entflammte. Die Stimmen hatten nachgelassen, doch ihre Nachklänge woben sich wie unsichtbare Schnüre um sein Herz. Jeder Atemzug zerriss die gespenstische Stille, als ob sie mit jedem Einsaugen von kalter Luft die vergrabenen Geheimnisse tiefer ans Licht zerren wollte.
Sein Blick fiel auf die Silhouetten zwischen den bröckelnden Ruinen, die sich wie stumme Wächter erhoben — Zeugen einer längst vergangenen Zeit, deren Geschichten in den Schatten flackerten. Dann, aus der Dunkelheit, trat eine Figur hervor, schwerfällig, doch von unbestreitbarer Autorität. Herzog Malric von Schattenfels.
Ein kaltes Lächeln umspielte Malrics Lippen, die Augen funkelten wie schwarze Kristalle, in denen sich ein Sturm aus Macht und Geheimnissen spiegelte. Sein Mantel aus schwarzem Samt schien die Dunkelheit selbst zu verschlingen, als wäre er nicht nur ein Mann, sondern ein Schatten aus Fleisch und Blut.
Leo spürte, wie sich ein Kloß in seinem Hals bildete. Nicht wegen der Kälte. Nicht wegen der unbequemen Präsenz.
Sondern wegen eines tief verwurzelten Misstrauens, das wie ein Gift in seiner Brust pulsierte.
„Leo Volland“, sprach Malric mit einer Stimme, die samtig und zugleich schneidend war. „Du trägst die Erinnerung eines Helden, die Welt hat dich längst vergessen—doch ich habe dich nie vergessen.“
Leos Augen verengten sich. Die Worte sanken wie ein Dolch in seine Erinnerungskammer, deren Wände noch immer bröckelten. Wer war dieser Mann, der mit solcher Sicherheit seinen Namen und doch so viel mehr zu kennen schien?
„Erzähle doch, Herzog“, erwiderte Leo mit rauer, misstrauischer Stimme. „Was weißt du von mir, das ich selbst nicht begreife?“
Malrics Blick heilte ihn, als wolle er die Antwort nicht einfach geben, sondern sie in Leos Geist pflanzen. „Du bist kein gewöhnlicher Mann. Deine Seele trägt die Narben eines Kriegers, dessen Kampf noch lange nicht vorbei ist. In dir schlummert eine Macht, ein Erbe, das nur wenige verstehen — vielleicht nicht einmal du selbst.“
Die Dunkelheit schien sich um Malric zu verdichten, als ob sie ihm gehorchte und seine Worte mit einer undurchdringlichen Aura umgab. Leo konnte den Hauch von Bedrohung in der Luft schmecken, bitter, metallisch.
„Und doch“, fügte der Herzog hinzu, „scheinst du die Fesseln deiner Vergangenheit nicht sprengen zu können. Ich biete dir die Wahrheit—oder das, was davon übrig ist.“
Ein Lachen, kalt wie gefrorenes Eisen, entwich Leos Lippen. „Deine Wahrheit ist nichts als ein Netz aus Lügen, Herzog. Ich weiß keine Sekunde, ob ich dir trauen darf.“
Malric trat näher, seine Präsenz überwältigend, eine Flut aus Stahl und Schatten. „Du hast keine Wahl. Erinnerungen sind Macht, Leo. Und ich beherrsche sie. Ich kann dich formen—nach meinem Willen. Die gleiche Macht, die ich dir anbiete, könnte dich verschlingen, oder dich zum Helden machen.“
Leo schluckte. Die Worte schlugen wie Hammerschläge gegen seinen Verstand. Erinnerungen formen die Realität? Und dieser Herzog? Er spielte mit Lebensfäden, die Leo selbst kaum zu greifen wagte.
„Warum suchst du mich auf, Malric?“, fragte Leo, seine Stimme ein Flüstern, das hart wie Granit war.
Der Herzog zog die Schultern zurück und eine liebliche, fast ironische Miene glitt über sein Gesicht. „Weil du mehr bist als eine vergessene Seele. Und weil ich fürchte, dass deine Rückkehr das Ende von Schattenfels bedeuten könnte.“
Ein kalter Schauer schoss Leo hinunter. Schattenfels—der dunkle Name jagte selbst den Mutigsten Angst ein. Was wusste Malric über Leos Wiedergeburt? Über das Funken von Hoffnung, das in ihm glomm?
„Und doch...“, begann Leo, den Blick fest auf Malric gerichtet, „weißt du erstaunlich viel über mich. Mehr, als ich selbst ergründen konnte.“
Malrics Augen verengten sich leicht, dann lächelte er. Ein Lächeln, das gleichzeitig ein Versprechen und eine Drohung war.
„Das solltest du dich lieber fragen, Leo: Warum kenne ich mehr über dich, als du dir eingestehst. Und wie viel Macht bist du bereit zu riskieren, um das zurückzuholen, was verloren scheint?“
Ein Schatten kroch in Leo hoch, dunkler und dichter als alles, was er bisher gefühlt hatte. Die Wahrheit, so schwer und ungestüm, waberte zwischen ihnen. Ein unsichtbares Band spannte sich, eine Erinnerung, die wie ein Funke in der Nacht züngelte — und zu explodieren drohte.
Im Nu blitzte ein kalter Gedanke in Leo auf: Kannte Malric seine tiefsten, verborgensten Geheimnisse? Hatte der Herzog ihn schon einmal beobachtet? Oder war das Wissen, das Malric besaß, eine Waffe, die ihn zerbrechen sollte?
Das Gewicht dieser Erkenntnis schnürte Leo die Kehle zu.
Der finstere Herzog stand nicht nur vor ihm—er war das lebendige Echo einer Vergangenheit, die keine Fragen mehr zuließ, sondern unerbittliche Antworten verlangte.
Und Leo wusste, dass ihre Begegnung erst der Auftakt zu einem Spiel war, dessen Regeln er nicht kannte, bei dem jeder Schritt ihn näher an einen Abgrund führte, den nicht einmal seine Erinnerung zu erhellen vermochte.
Dann, in dem Augenblick, als Leo die Fassung gerade wiederzugewinnen begann, öffnete sich die schwere Holztür hinter ihm mit einem dumpfen Knarren.
Ein Schatten schlüpfte durch den Spalt.
Und die Stimme, die ihm folgte, kalt und voller Bedeutung, ließ selbst die Luft um ihn erstarren:
„Du solltest besser wissen, wer in deinem Schatten wandelt, Leo. Denn nicht jeder Feind trägt sichtbare Masken.“