Chapter 2
Kapitel 2: Fragmente einer verlorenen Erinnerung
Der Wind trug kalten Dunst über die zerklüfteten Felsen am Rand des Nebelwehs. Leo kniete auf dem feuchten Boden, seine Hände zitterten, als hätte eine unsichtbare Kraft sie fest umschlossen. Die Nacht hatte sich schwer auf seine Schultern gelegt, und doch war es kein äußerer Druck, der ihn niederdrückte—es war das Raunen in seinem Geist, das immer drängender wurde.
Seine Augen schlossen sich langsam, als wolle er der Quälerei entfliehen. Doch das Flüstern verwandelte sich jäh in einen Schrei, ein Bild stürzte sich ihm auf die Netzhaut.
Er stand mittendrin—der rauchverhangene Horizont, zerborstene Schwerter, Blut, das den Boden tränkte. "Warum...?" Die Erde bebte unter den stampfenden Hufen. Menschen schrien, fielen, verharrten mit starren Blicken. Ein Mann—herausgehoben aus dem Chaos—hob die Faust zum Himmel, sein Gesicht in Schatten gehüllt.
Das Bild zerfaserte, doch die Hitze der Schlacht brannte in Leos Brust. Seine Knie gaben nach; die Calciumschicht unter ihm schien zu zerbrechen, und ein kalter Schweiß perlte über seine Stirn.
„Du kennst mich nicht...“ hörte er plötzlich eine Stimme, rau und schneidend wie zerbrochenes Glas. In der Dämmerung saß ein Fremder, dessen Augen so dunkel waren, dass sie alles zu verschlucken schienen.
Leo öffnete die Augen. Der Wald um ihn stand still, doch das Dröhnen in seinen Ohren ließ die Grenzen zwischen Realität und Erinnerung verschwimmen. Ein Duft—verbranntes Holz und feuchtes Moos—umspielte seine Nasenflügel, als wäre der Krieg nicht nur ein Bild, sondern greifbar nah.
Er hob die Hand zögernd, tastete über sein Gesicht. Linien formten sich—keine ihm vertrauten, doch brannten wie Narben unter der Haut.
„Diese Erinnerungen sollen versteckt bleiben, Leo.“ Die Stimme war jetzt direkt hinter ihm, so nah, dass der kalte Atem seinen Nacken berührte.
Er wirbelte herum, doch in der Dunkelheit war niemand.
„Wer bist du?“ Seine Stimme klang brüchig, im Wind verlorener als das Flüstern zuvor.
„Ein Wächter... oder vielleicht ein Jäger.“ Ein kaltes Lachen rauchte durch die Nacht, bevor es verebbte.
Ein Kribbeln kroch in Leos Fingerspitzen hoch, als ob tausend Nadeln sich in seine Haut bohrten. Plötzlich griff seine Hand in die Luft, schloss sich um etwas Unsichtbares. Ein Blitz—grell, schneidend—durchfuhr sein Gehirn, und Bilder überschlugen sich.
Er sah Städte, die in Flammen standen. Gesichter—verzerrt vor Angst und Schmerz. Ein Mädchen mit blauen Augen, ein Lächeln, das mehr verbarg als es zeigte. Eine Waffe, die inmitten von Verfall glänzte, ihre Klinge in Blut getränkt. Und immer wieder jener Mann, dessen Schatten sich mit dem seinen zu verweben schien.
„Du darfst nicht wissen, Leo.“ Die Stimme kam aus dem Dunkel, aus den Schatten zwischen den Schatten.
Mit einem Ruck riss er die Augen auf. Sein Herz hämmerte so laut, dass er glaubte, es höre das Echo der Schlacht.
Der Nebel vor ihm hatte sich verändert. Kleine Inseln aus Licht schwebten wie Geister über der Scholle, jeweils ein fragmentarisches Bild, ein Stück Erinnerung, das um seine Aufmerksamkeit rang.
„Wenn du diese Fragmente zusammensetzt...“ begann die Stimme erneut, jetzt fast flehend, „dann ist alles verloren.“
„Was ist verloren?“ Leo trat vor, der Boden unter seinen Füßen schien zu wanken. Ein fauler Geruch von verrottendem Holz mischte sich mit dem stechenden Harz der Kiefern, als die Erinnerung leise, aber unaufhaltsam in ihm aufstieg.
Sein Blick fiel auf eine der leuchtenden Inseln. Sie pulsierte, als wolle sie sprechen, wollte entkommen aus der Dunkelheit seines Geistes.
Er streckte die Hand aus und berührte die Luft darüber.
Ein Strom von Bildern schoss durch ihn: Er sah sich selbst, als hätte er ein anderes Gesicht, voller Zorn und Verzweiflung—ein Held, der gegen eine erdrückende Macht kämpfte und dabei alles verlor. Um ihn herum das lodernde Feuer eines Vergeltungskrieges, der mehr zerstörte als nur Landschaft und Herzen.
Dann ein Schrei, dessen Echos bis in seine Knochen drangen. Ein Mann mit einer Krone aus Dornen, dessen Augen wie zwei schwarze Löcher in sein Innerstes zu blicken schienen.
Und plötzlich eine schwarze Hand, die in die Flut der Erinnerungen griff, sie zerriss und ins Nichts schleuderte.
Leo sank auf die Knie. Der Schmerz in seinem Kopf häufte sich wie düstere Wellen, die ihn zu ertränken drohten.
„Stopp!“ riss er den Kopf auf. „Wer bist du? Warum willst du das verhindern?“
Keine Antwort, nur das Röcheln des Windes zwischen den Blättern. Doch da—eine entfernte Bewegung, schleppende Schritte im Moos, die sich langsam näherten.
Das Blut in seinen Adern gefror, als ein kalter Schatten zwischen den Bäumen auftauchte, unscharf und doch bewusst, bereit zuzuschlagen, noch bevor Leo handeln konnte.
Sein Blick suchte hektisch die Umgebung ab, spürte, wie sich die Dunkelheit verbreitete—nicht nur um ihn, sondern in ihm.
„Wer auch immer du bist,“ zischte er, „ich finde die Wahrheit. Ich werde mich nicht länger verstecken lassen.“
Ein leises Knacken, ein Flüstern—und dann ein kalter Hauch an seiner rechten Schläfe. Die Finsternis rückte näher, und in ihrem Kern erstarrte alles.
Eine letzte Frage drang durch den Sturm in seinem Geist:
Wer will verhindern, dass Leo die Wahrheit erfährt?
Ein Schatten löste sich aus dem Dunkel und schwebte ihr entgegen—nicht menschlich, nicht ganz tot. Nur eines stand fest:
Das Spiel hatte begonnen. Und Leo war bereits eine Spielfigur.
Der Ruf des Vergessens war kein Zufall—es war eine Falle.
Die kalte Nacht umarmte ihn, während die Stimmen sich zu einem Chor aus Flüstern und Drohungen vereinten.
Leo atmete tief ein—bereit gegen die Schatten zu kämpfen, die seine verlorene Vergangenheit verschlangen.
Doch die größte Dunkelheit wartete noch.