Chapter 17
Kapitel 17 Ein Bündnis mit dunklen Kräften
Der Regen prasselte in schwerem Trommeln gegen die zerschlagenen Fenster des verlassenen Tempels, eine monotone Symphonie aus Kälte und Zerfall. Leo kniete auf dem feuchten Steinboden, seine Finger umklammerten das Artefakt, dessen schwaches Leuchten sich mit dem flackernden Licht der fernen Blitze mischte. Ein leichtes Zittern ging durch seine Hand, fast unmerklich – doch in seinem Inneren schlug eine andere Angst: die Furcht vor dem, was noch kommen würde.
Seine Brust hob und senkte sich schwer, als ob der Sturm nicht nur draußen, sondern auch in ihm tobte. Das Artefakt pulsierte in seinem Griff, wie lebendig – und gleichzeitig war es ein Fremdkörper, der in seine Seele stach. Ein Erinnerungsfragment blitzte auf, verwirrend und schmerzhaft: ein ferner Hauch von Macht, die oft verboten war, eine Magie, der man nur mit Opfer begegnen durfte.
"Das ist nicht einfach nur Magie," murmelte Leo mit rauer Stimme, seine Augen fest auf das blaue Glühen gerichtet. "Es ist etwas Dunkleres. Etwas, das wir nicht kontrollieren können…"
Hinter ihm fiel ein Schatten in die Ecke des Raumes. Leos Kopf fuhr herum, der Atem stockte in seiner Kehle. Es war Mara, ihre Augen funkelten im Halbdunkel, ernst und unverblümt.
"Du hast es also gefunden," sagte sie ohne Umschweife. Ihre Stimme klang klar, aber auch ein wenig kalt.
Leo richtete sich auf, der kalte Stein drückte gegen seine Haut. "Ja. Und ich weiß jetzt, dass ich eine Wahl treffen muss. Höher, schneller, stärker – nein. Nicht mit purer Kraft. Nicht mit dem, was Herzog Malric benutzt."
Mara trat näher, ihre Bewegungen waren geschmeidig, als wäre sie selbst ein Teil dieses ruinösen Ortes. "Dann womit?" Ihre Augen suchten ihn, herausfordernd, aber auch erwartungsvoll. "Die dunkle Magie, Leo. Sie wartet auf dich – so wie sie auf jeden wartet, der das Gleichgewicht stören will."
Leo schluckte und griff fest nach dem Rand seines zerfetzten Mantels. Der Geruch von Moos und altem Stein vermischte sich mit dem dumpfen Pulsschlag, der an seiner Stirn pochte. Er spürte, wie sich in seiner Brust ein schweres Gewicht sammelte, drückend wie Blei.
"Wenn ich das benutze," begann er langsam, "wird es nicht nur Malric zerstören. Es wird mich verändern. Es wird …" Er brach ab, als der kalte Hauch einer uralten Stimme in seinem Inneren flüsterte.
"Was wird es?" Mara rückte näher, die Spannung zwischen ihnen schnitt wie ein Messer.
"Ich weiß nicht, wie viel von mir noch übrig bleibt, wenn ich so tief eintauche. Was von meiner Menschlichkeit mir bleibt." Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. "Wie viel Finsternis kann ein Herz ertragen, ohne selbst zu zerbrechen?"
Ein kalter Wind schlich durch die Ruine, und eine schattenhafte Leere schien sich um sie zu ballen. Leo spürte, wie das Artefakt in seiner Hand plötzlich heiß wurde, als würde es auf seine unausgesprochenen Zweifel reagieren.
Mara legte eine Hand auf seine Schulter. "Das Bündnis mit dunklen Kräften ist kein leichter Pakt. Aber ohne Risiko gewinnt man nichts. Du willst Malric aufhalten, seine Lüge zerschlagen – das hier könnte deine einzige Chance sein."
Ein Blitz erhellte den Raum in gleißendem Weißlicht. Für einen Moment schien die Welt stillzustehen – dann brach das Knarren alter Steine das Schweigen, und aus dem Nichts erklang ein leises Rascheln.
Leo hielt den Atem an. Etwas regte sich in der Finsternis, etwas Unheilvolles, das sich an seine Fersen heftete.
"Ich kann das nicht alleine," flüsterte er. "Aber wenn ich zu tief gehe … wenn ich mich verliere … wer wird dann übrig bleiben?"
Mara wich einen Schritt zurück, ihre Augen verrieten keinen Zweifel. "Ein Held ist kein Held, weil er nie fällt. Sondern weil er immer wieder aufsteht. Egal, wie dunkel der Weg ist."
Doch Leo wusste, dass dies keine einfache Wahrheit war. In der Tiefe seines Inneren schwebte eine düstere Frage, so alt wie die Schattenreiche selbst:
Wie viel von seiner Seele war er bereit zu opfern, um das Licht zu bewahren?
Die Regentropfen vermischten sich mit dem Schweiß auf seiner Stirn und liefen in Strömen den zerklüfteten Stein hinab, während der Sturm draußen wie ein uraltes Schicksal weiter wütete.
In der Dunkelheit des Tempels begann die Magie zu flüstern.
Und Leo stand kurz davor, ihr zuzuhören.