Chapter 15
Kapitel 15 Die Jagd beginnt
Die Tür schob sich knarrend weiter, ein schmaler Schlitz aus Dunkelheit schnitt quer durch das schummrige Licht der Kammer.
Leo spürte, wie sein Herz gegen die Rippen donnerte — so laut, dass er sich schier dagegen stemmen musste, um nicht zu schreien.
Aus dem Schatten schälte sich eine schlanke Gestalt mit maskenhaftem Gesicht. Der stechende Geruch von feuchtem Leder lag in der Luft, unterbrochen vom metallischen Klang klirrender Waffen.
„Da bist du also, Volland“, zischte eine dunkle Stimme, rau und kalt wie ein Dolch. „Herzog Malric hat lange auf dich gewartet.“
Ein dünner Ruck fuhr durch Leos Wirbelsäule. Erinnerungen blitzten auf, plötzlich und unkontrollierbar – flüchtige Bilder rissen an seinem Verstand. Ein Turm bei Nacht, ein zerbrochener Spiegel, Flüstern, das in seiner Haut brannte.
Doch bevor er reagieren konnte, hatte die Gestalt den Raum betreten, die Hand nach ihm ausgestreckt.
Leo taumelte rückwärts, den Atem flach und hastig. Instinkt griff nach der nächsten Deckung – ein zerfallener Schreibtisch, dessen Holz splitterte unter seinem Griff.
Er war nicht vorbereitet. Nicht jetzt.
Die Tür knallte hinter der dunklen Gestalt zu. Klirrende Schritte hallten auf dem kalten Steinboden, Stimmen meldeten sich von nah und fern.
Mehr als einer.
Seine Augen suchten wild die Kammer ab. Der schwache Schein der Erinnerungskugel zeichnete verzerrte Schatten an die Wände – unechte Gesichter, verzerrte Emotionen.
„Lauf, Leo!“, flüsterte er sich selbst zu, die Stimme ein Flüstern im Ohr.
Doch die Tür wurde erneut aufgestoßen — mehrere Männer in schwarzen Mänteln stürmten herein, jede Bewegung präzise und geübt.
Flüchtig blitzte ein Messer auf, dann ein dumpfer Schlag, als einer der Verfolger die Luft schnappen musste.
Leo riss sich los und sprintete in die Dunkelheit des angrenzenden Flurs.
Sein Atem war ein Rausch in der Stille, nur Schritte klingelten hinter ihm, schwer und unerbittlich.
Jede Ecke, jeder Atemzug wurde zu einem Kampf um Leben und Tod.
Ein kalter Schauer kroch seine Wirbelsäule hinab, als der scharfe Klang einer Läuteglocke durch die Hallen der alten Burg schnitt.
Hatte jemand Alarm geschlagen?
Vor ihm öffnete sich eine schmucklose Nische, ein uraltes Dachbalkengewölbe, das kaum mehr Licht zuließ.
Leo kroch hinein, die Knie schmerzten, sein Herz hämmerte gegen die Brust.
Der Gestank von feuchtem Stein bohrte sich in seine Lungen.
Über ihm knarzten die morschen Balken. Jeder Schatten schien sich zu regen und zu formen.
Langsam, fast lautlos, presste er sich gegen den kalten Stein.
Das Dröhnen der Schritte verschmolz zu einem Klangteppich aus Bedrohung.
Als die Verfolger vorbeizogen, hielt Leo den Atem an. Die Luft schnürte sich zusammen, seine Finger verkrampften sich in den Ritzen der Wand.
Ein Funken Sehnsucht nach Sicherheit schoss durch ihn – sofort wieder erstickt von der drängenden Gefahr.
Der Flur wurde still.
Für einen Herzschlag.
Dann raschelte eine lose Steinplatte neben ihm.
„Verdammt“, keuchte Leo, als er sich unwillkürlich rührte.
Die Bewegung wurde gehört.
Ein Schatten glitt zurück – eine kalte Stimme säuselte:
„Er hier unten!“
Kein Entkommen.
Die Verfolger wendeten sich blitzschnell.
Fackeln flogen in Richtung der Nische, flackerndes Licht durchbrach die Finsternis.
Leo rutschte tiefer hinein, die Knie schollen auf dem nackten Boden. Sein Atem kam stoßweise, die Innenseite seiner Arme klebte schweißnass am Stein.
Sein Blick fixierte eine winzige Öffnung in der Wand, gerade groß genug für einen schmalen Absturz.
Keine Zeit zum Zögern.
Er zwang sich, aufzustehen, den Körper zum Sprung bereit.
Der erste furchterregende Handgriff griff nach ihm.
Mit einem wilden Ruck schoss Leo aus seinem Versteck, tauchte unter den Armen der Angreifer hindurch.
Ein dumpfer Schmerz durchfuhr seine Rippen, als er an einem herausragenden Balken anschlug, doch er ließ sich nicht stoppen.
Springend, rollend, stolpernd — er erreichte den schmalen Spalt, der als Fluchtweg dienen konnte.
Die Kälte der Nacht schlug ihm ins Gesicht, raubte ihm den Atem.
Fixierte Sterne blickten vom Himmel auf ihn herab, während der Boden unter ihm abrupt endete.
Mit zitternder Hand griff er nach dem brüchigen Seil, das von oben herabhängte – ein letzter Hoffnungsschimmer inmitten der Dunkelheit.
Die Verfolger schnappten nach Luft.
„Er entkommt nicht!“, knurrte jemand.
Mit einem Todesmut ließ Leo sich fallen.
Das Seil knarrte und schwang ihn hinab in die Schatten.
Die Nacht wich nicht von seiner Seite, ein dunkler Mantel aus Unsicherheit und Angst.
Doch unter ihm wartete ein unbekannter Pfad.
Und vielleicht, gerade vielleicht, eine Chance zu entkommen.
Doch waren seine Verfolger schneller?
Die Dunkelheit lebte — und mit ihr die Jagd.
Wird Leo lebend entkommen?