Chapter 10
Kapitel 10 Ein Lichtstrahl in der Dunkelheit
Der Boden unter Leos Füßen gab nach, als hätte die Dunkelheit selbst beschlossen, ihn zu verschlingen. Ein kalter Schauer schoss durch seine Wirbelsäule, während das Knirschen von brechendem Stein und das zischende Flüstern der Schattenfallen sein Herz wie Hammerschläge gegen das Brustbein drückten.
Er spürte, wie die eisigen Fäden der Fessel sich sogleich um seine Knöchel legten, ein panisches Schwanken drohend. Die pechschwarze Umarmung der Schatten saugte jede Hoffnung, jeden Funken Wärme aus der Luft.
Leos Atem schnappte scharf ein. Die Luft schmeckte metallisch, schwer von Fäulnis und Verfall. Hinter ihm zerrte das kalte Seil seiner eigenen Angst stärker, und doch zwang er sich, nicht den Blick zu senken. Nicht jetzt.
Ein Riss zog quer durch die Stille. Erst war es nur ein kaum hörbares Knarren, dann ein plötzlicher Lichtstrahl – ein helles, punktgenaues Leuchten, das die Dunkelheit durchstieß.
„Los, beweg dich!“
Die Stimme schnitt durch die Finsternis wie ein Dolch, scharf und voller Dringlichkeit.
Vor ihm blitzte ein Schimmer auf, wie das Aufflackern einer heldenhaften Flamme, klein und zerbrechlich anfangs, doch unaufhaltsam wachsend. Leo spürte, wie eine kühle Hand seine Schulter packte, stark und entschlossen.
Er sah auf und erblickte sie: Eine Frau, die wie ein lebendiger Lichtstrahl wirkte. Ihr Haar fiel in silbernen Wellen über die Schultern, ihr Blick durchdringend und unverkennbar voller Macht.
„Wer bist du?“ Keuchte Leo, doch die Worte waren kaum mehr als ein Hauch.
Sie ließ keinen Zweifel, schnitt ungeduldig in seinen Zweifel. „Keine Zeit für Fragen. Wir müssen weg. Dieses Mal hält die Dunkelheit nicht lange.“
Mit einer geschmeidigen Bewegung zerbrach sie das Geflecht aus Schattenfallen mit einer Handbewegung, die wie Zeichnen eines Symbols in die Luft wirkte. Funken aus kristallinem Licht wirbelten auf, als die Schatten schrieend zerfielen.
Leo taumelte vor Erleichterung, als der eiskalte Griff um seine Knöchel nachließ. Sein Herz hämmerte wild – nicht nur vor Anstrengung, sondern auch vor der seltsamen Gewissheit, dass diese Frau mehr war als nur eine Retterin.
„Warum? Warum rettest du mich?“ Seine Stimme vibrierte und rang mit der inneren Unsicherheit, die ihn seit seiner Wiedergeburt verfolgte.
Sie hielt seinen Blick fest und lächelte kaum merklich, als würde sie ein Geheimnis hüten, das größer war als beide zusammen.
„Weil du mehr bist, als du glaubst, Leo. Und weil die Finsternis, die dich jagt, nur besiegt werden kann, wenn wir zusammenstehen.“
Ihre Worte brannten sich in sein Gedächtnis. Ein Versprechen – oder eine Warnung?
Hinter ihnen hallte ein gekrächztes Lachen, roh und böse. Herzog Malrics Schatten, die sich wieder sammelten, warfen drohende Schleier in das Zwielicht der Ruinen.
„Beeil dich,“ flüsterte die Frau, „du bist nicht bereit, aber es gibt keinen anderen Weg.“
Hand in Hand, das Licht gegen die Dunkelheit stemmend, rasten sie in die tiefsten Gassen jener vergessenen Stadt, wo Erinnerung und Schatten miteinander rangen.
Und als Leo sie ansah, fragte er sich, ob sie wirklich seine Verbündete war – oder vielleicht der nächste Teil seines eigenen vergessenen Schicksals.
Was will sie von ihm? Welche Wahrheit verbarg sich hinter ihrem strahlenden Blick?
Sein Herz pochte im Einklang mit dem nahenden Sturm.
Und plötzlich eröffnete sich der Abgrund zwischen Vertrauen und Verrat.
— Ende Kapitel 10 Was will die Retterin von Leo?