NoveliqaIm Schatten der Ewigen Reinkarnation / Alte Götter erwachen :0%
Log in

Chapter 9

Alte Götter erwachen

Kapitel 9 Alte Götter erwachen

Der kalte Wind, der noch Minuten zuvor die Gassen Luriens durchpflügt hatte, schien plötzlich zu stocken, als wäre die Zeit selbst an einem unsichtbaren Punkt eingefroren. Elias Thorne spürte den eisigen Griff des Schicksals, der sich um seine Kehle legte – weniger als körperlich, mehr als ein Flüstern aus uralter Tiefe, das seine Seele rüttelte.

Er stand am Rand des Marktplatzes, das Pflaster glänzte fahlem Licht, und hinter ihm verblasste das Geräusch der Stadt. Sein Herz klopfte nicht mehr wie zuvor wild gegen seine Rippen, sondern als würde es die Bedeutung eines einzigen Moments seismographisch messen.

„Das Spiel hat begonnen“, flüsterte er selbst, doch die Worte wirkten wie ein Echo aus einem fremden Traum.

Plötzlich vibrierte die Luft vor ihm, so subtil, als öffne sich eine unsichtbare Falte in der Realität. Haben seine Augen ihn getäuscht? Nein. Eine Gestalt materialisierte sich vor ihm, zusammengesetzt aus Schatten und flimmernden Sternenlicht, deren Konturen sich ebensosehr entzogen wie sie sich abzeichneten.

Elias schluckte schwer. Dort stand ein Gott. Nicht einer der bekannten – nicht der Erzürnte oder der Wohlwollende aus den Legenden. Nein, etwas Anderes, Altes, etwas vergessen – ein Wesen, das selbst Zeit und Wirklichkeit zu umgehen schien.

Die Augen des Gottes waren dunkle Leere, tiefer als alle Abgründe, die Elias je gekannt hatte. Und doch brannten sie in ihm eine Botschaft ein, die durch jeden Knochen schnitt:

„Elias Thorne.“

Die Stimme war wie das Knarren uralter Baumstämme, gleichzeitig ein Murmeln vergessener Quellen.

„Warum…?“ Elias’ Stimme zitterte, rauschend vom Gewicht der Offenbarung. „Wer bist du?“

„Ich bin das, was war, und das, was sein wird, lange bevor Erinnerung oder Geschichte existierten“, sagte der Gott. Sein Blick bohrte sich durch Elias, als wolle er das Stückchen Mensch aus ihm herausreißen.

„Die Welten… sie sterben, Elias. Deine Wiederkehr ist nicht nur eine Rückkehr. Es ist der Schlüssel zu einer Schwelle, hinter der alles zerbricht.“

Elias sank auf die Knie, als die Nachricht wie ein Dolch in seiner Brust steckte. Sein Verstand raste, riss nach Halt im Wirbel aus Bedrohung und Frage.

„Deine nächste Rückkehr“, fuhr die Gestalt fort, „trägt die Gefahr in sich, Feuer zu entfachen, das kein Wasser löscht. Veyron Kasall hat verstanden, wie er diese Flamme nährt. Doch du allein kannst sie dämpfen – oder ihr Macht verleihen.“

Ein bitterer Geschmack von Verzweiflung kroch in Elias’ Mund. „Warum ich? Warum ich...?“

Der Gott nahm einen Schritt auf ihn zu. Die Luft um Elias vibrierte schwer von unergründlicher Macht.

„Weil du das Erbe trägst, das du selbst vergessen hast. Dein Geist wandert durch Leben und Tod, doch dein Herz hat noch nie das Gewicht seines wahren Wesens getragen.“

„Mein wahres Wesen?“, brach Elias hervor, während sein Atem schneller wurde. „Ich bin nichts als ein verlorener Schatten in diesem Spiel der Götter und Könige.“

„Irrtum“, sagte die Gestalt. „Du bist der letzte Wächter der alten Schwüre, der Hüter dessen, was sein darf und was nicht. Doch Zeit, Raum und Macht sind in Aufruhr. Mit jeder Reinkarnation zerreißt der Schleier zwischen den Welten ein bisschen mehr.“

Elias schloss die Augen, fühlte die Erschöpfung in jeder Faser. Er musste gegen den Strom schwimmen, gegen einen Feind, den er nicht verstand.

„Sag mir, was ich tun soll“, hauchte er.

Aber der Gott schüttelte den Kopf, so leise, wie ein unerreichbarer Hauch.

„Nicht ich gebe dir Antworten. Die Wahrheit liegt verborgen in deiner nächsten Reise. Doch sei gewarnt: Diese Rückkehr birgt eine Gefahr, deren Schatten selbst das Licht deiner Erinnerung verschlingen könnte.“

Das Flimmern der Gestalt wurde schwächer. Ein letztes Mal blickte der Gott ihm tief in die Seele.

„Wähle weise, Elias Thorne. Deine Wahl wird nicht nur dein Schicksal besiegeln, sondern das aller Welten.“

Dann war er verschwunden – zurück ins Nichts, wie vom Wind verweht.

Elias blieb allein zurück. Die Stille drückte ihn nieder, schwerer als die Dunkelheit der Nacht.

Sein Puls hämmerte gegen seine Schläfen, die Gedanken wirbelten wie Blätter im Sturm.

Was wollte dieser Gott von ihm? Was bedeutete die Warnung? Und warum sollte gerade seine nächste Rückkehr so gefährlich sein?

Der kalte Hauch des alten Wissens umspülte ihn und ließ ihn erschauern – als würde der Boden unter ihm brechen.

Plötzlich, aus der Dunkelheit, drang ein tiefes, fast kehliges Kichern.

Der Schatten hinter einer Mauer nahm Form an – zwei Augen blitzten im Halblicht. Veyron Kasall.

„Du ahnst nicht, wie nah du dem Abgrund stehst, Elias“, sagte die Stimme weich, tödlich.

Elias richtete sich auf, sein Blick suchte die Kälte in den Augen seines Widersachers.

„Ich fürchte mich nicht vor dem Abgrund. Ich fürchte nur, was dahinter wartet.“

Veyrons Lächeln war ein grausames Versprechen.

„Dann lass uns sehen, wer zuerst fällt.“

Ein kalter Wind fuhr erneut durch die Gassen. Das Spiel war nun nicht mehr nur ein Spiel.

Es war Krieg.

---

Fortsetzung folgt...