Chapter 7
Kapitel 7 Das verbotene Experiment
Das Zittern umklammerte Elias wie ein lebendiges Wesen, das sich in seinen Knochen festgesetzt hatte. Der scharfe Nachhall der Enthüllung fühlte sich an wie ein tiefer Schnitt durch das Geflecht seiner Seele. Sein Atem riss, als ob er gegen eine erdrückende Stille anschrie — aber niemand antwortete. Nur das Flüstern des kalten Windes, das durch die zerborstenen Fenster des verlassenen Observatoriums schlurfte, schürte die düstere Einsamkeit.
Vor ihm leuchteten die zerfetzten Seiten eines uralten Manuskripts schwach in einem fahlem Bernsteinlicht. Worte, die seine Welt auf den Kopf gestellt hatten. Ein Verbot, ein Geheimnis, ein Experiment — nicht irgendein Schicksal, keine natürliche Gabe. Seine Gabe — das stete Erinnern an vergangene Leben — war keine Gnade, sondern das Ergebnis menschlicher Hybris.
Er biss sich auf die Unterlippe, die plötzlich trocken war, und betrachtete die zerknitterten Zeichnungen. Inmitten von mystischen Symbolen und alchemistischen Anordnungen standen skizzenhafte Abbilder von Wesen, die aussahen wie er — schemenhafte Figuren, verbunden durch dünne Fäden aus funkelndem Licht.
„Sein Name…“ murmelte Elias, seine Stimme ein rauer Hauch in dem kalten Raum. „Wem gehört mein Herz wirklich?“
Sein Blick fiel auf ein handschriftliches Vermerk am Rand der Seite: „Proband E-37: Bewahrer des Erinnerungsstroms. Zweck: Kontrolle über Reinkarnationslinien.“
Sein Herz schlug wie wild, die Nadelstiche eines wachsenden Schmerzes schnitten tiefer als jede Wunde. Nicht geboren... erschaffen. Er war ein Produkt, ein Werkzeug — eine Waffe oder vielleicht ein Schlüssel.
Ein knarzendes Geräusch ließ ihn zusammenzucken. Die Tür zum Observatorium schwang einen Spalt auf. Vor dem fahlen Mondlicht zeichnete sich eine schlanke Gestalt ab. Elias’ Augen weiteten sich.
„Du hast es gefunden.“ Die Stimme war rau, von eisiger Kühle durchsetzt, doch mit einem Hauch finsterer Faszination.
Veyron Kasall trat ein, sein Gesicht halb im Schatten verborgen. Sein Blick glitt messerscharf über die verstreuten Seiten bis hin zu Elias.
„Glaubtest du wirklich, deine Erinnerungen wären bloß ein Segen?“ Veyrons Lippen zogen sich zu einem spöttischen Lächeln. „Sie sind unsere Erfindung. Ein Experiment, das Grenzen sprengt — oder zerbricht.“
Elias ballte die Fäuste. Sein Körper war steif vor Zorn und Verwirrung. „Wer sind ‚wir‘, Veyron? Wer wagt es, mein Leben – meine Seele – zu manipulieren?“
Ein tückisches Funkeln blitzte in Veyrons Augen. „Du bist mehr als nur ein Werkzeug. Du bist der Beweis für die Macht, die wir über die Reinkarnationen gewonnen haben. Doch das ist erst der Anfang.“
Ein eisiger Windstoß wirbelte durch den Raum, und mit ihm das Gefühl, wie ein Netz aus unsichtbaren Fäden sich um Elias’ Gedanken legte. Die Erinnerung an Schmerz, Verrat, Aufopferung – auf einmal alles kunstvoll arrangiert, nicht zufällig.
„Du bist gemacht, Elias. Geschmiedet in den Tiefen eines verbotenen Labors, das selbst das Reich der Magie fürchtet.“ Veyrons Stimme wurde leiser, fast ein Flüstern, das wie ein Schatten über den kalten Steinboden kroch.
Elias spürte die Angst stiegen, die sich wie Öl breit machte in seiner Brust. „Warum? Für welchen Zweck?“
Veyron trat näher, seine Präsenz erdrückend. „Um die Kontrolle zu erringen. Über Zeit, Raum und Erinnerung. Um das Schicksal aller Welten zu biegen wie ein Stück Eisen. Und du – du bist der Anfang dieses Spiels.“
Ein kalter Tropfen perlte von Elias’ Stirn, der Herzschlag überschlug sich. Das Gewicht all der Fragen schien ihn niederzudrücken:
Wer hatte ihn erschaffen, und wozu?
Der Blick aus Veyrons dunklen Augen bohrte sich tief in Elias’ Schädel, als würde er nach einem Funken Wahrheit graben, der in ihm verborgen lag.
„Du wirst wählen müssen, Elias. Zwischen Freiheit und Gefangenschaft. Wahrheit und Lüge. Leben und Vernichtung.“
Elias’ Finger krallten sich in den zerfetzten Seiten des Manuskripts, als das Flackern einer Entscheidung durch ihn brach und die Dunkelheit dichter wurde. Der Raum schien sich zu verengen, als wäre die Luft selbst ein Gewicht, das die Zeit anhielt.
Ein Schrei in seinem Innern.
Und dann — ein leises Kichern, wie das Rascheln trockener Blätter, das direkt hinter ihm erklang.
Er drehte sich ruckartig um — doch da war niemand. Nur die Schatten tanzten im flackernden Licht.
Veyrons Lachen durchbrach die Stille, dunkel und verheißungsvoll. „Das Experiment läuft erst an, mein Freund. Noch ist niemand frei.“
Das Messer am Rand seines Bewusstseins bohrte sich tiefer. Das schwindende Vertrauen, die beginnende Erkenntnis — er war nie mehr als ein Fragment einer viel größeren, zerstörerischen Maschine gewesen.
Elias wusste es jetzt. Die Wahrheit war kein Geschenk, sondern eine Falle.
Und mitten darin stand er — nur ein Spielball in einem tödlichen Experiment.
Die Tür schlug hinter Veyron zu. Ein letzter Funke Hoffnung schoss durch Elias.
Doch die Frage hallte nach:
Wer hatte ihn erschaffen, und zu welchem Zweck?
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Fortsetzung folgt...