Chapter 12
Kapitel 12 Die Prophezeiung des Endes
Das klamme Schwarz der Nacht hing noch immer schwer über Elias’ Haut, als sein Herz erstarrte – der Schatten seines verlorenen Verbündeten hatte sich mit einer dunklen Schwere in seine Seele eingegraben. Ein leises Knistern durchbrach die Stille: Sein Atem, flach und brüchig, formte kleine Wolken in der frostigen Luft des versteckten Kämmerchens unter der alten Bibliothek von Verindal.
Seine Hände zitterten, als er nach der nächsten Schriftrolle griff. Der Pergamentrand war rau, beinahe lebendig unter seinen Fingerspitzen, als könnte das uralte Dokument ihm ein pulsierendes Geheimnis offenbaren. Das mattschimmernde Hellblau der runenverzierten Schrift war kaum zu lesen, doch Elias wusste: Hier verbarg sich eine Wahrheit, größer, als er sie je erahnt hatte.
Ein schwacher Schein von Fackeln tanzte hinter den vergitterten Fenstern, warf schemenhafte Muster auf den zerfallenen Steinboden. Der Geruch von altem Rauch und verblichenem Papier mischte sich mit der eisigen Nachtluft und zog an seinem Bewusstsein. Der Raum fühlte sich wie ein Grab an, doch zugleich wie ein Schlüssel – ein letzter Zugang zu dem, was Veyron Kasall je zu verbergen versuchte.
Langsam entrollte Elias die Rolle. Zuerst nur Fragmente von Sätzen, dann ganze Verse, die sich vor seinen Augen formten. Die Worte waren alt, uralt. Sie erzählten von einer Zeit, lang vor der Gründung Luriens, als die ersten Seelen in einem kosmischen Tanz zwischen Leben und Tod ihre Urbilder wählten – gefangen in einem Kreis ohne Anfang und Ende.
*„Wenn die Nacht der Welten sinkt und das Rad des Schicksals bricht, wird der Erinnerer sich erheben aus Staub und Licht. Drei Monde bluten rot, drei Königreiche fallen, und allein im Schatten wird das Ende hallen.“*
Elias schluckte. Die Prophezeiung sprach von ihm — von dem Erinnerer.
Sein Blick glitt weiter, das Herz schlug gegen die Rippen, als wäre es entschlossen auszubrechen. Jede Zeile ließ das Schicksal schwerer werden, als ob die Worte selbst die Luft zerreißen könnten:
*„Er wandelt durch Zeiten, verbannt vom eigenen Geist, bis er zwischen Sternen das zerbrochene Band weist. Doch wähle mit Bedacht, denn der Pfad ist schmal und kalt, ein Schritt ins Dunkel kann sterben, in Flammen oder Gewalt.“*
Das Flüstern dieser Zeilen schmeckte bitter in seinem Mund. Er, der Wiedergeborene, gefangen in einer Endlosschleife, dessen Entscheidungen Welten zerreißen oder retten konnten.
Elias’ Hände vergruben sich in den Pergamentfalten. Plötzlich klopfte sein Verstand gegen eine Frage: Wie konnte er das unausweichliche Ende abwenden, bevor das Schicksal ihn verschlang? Ein kalter Schweißfilm legte sich über seine Stirn.
Vor ihm auftauchten Bilder wie lebendige Schatten: die drei blutenden Monde, die Königreiche in Flammen, das kalte Stöhnen des zerbrechenden Rad des Schicksals. Sie verbrannten seine Gedanken, zerrissen den Schleier, der ihn bisher schützte.
Es war kein ferner Krieg mehr. Es war da, direkt vor seinen Augen, in den Zeilen der Prophezeiung – einer dunklen Wahrheit, die er akzeptieren, bekämpfen oder fliehen musste.
Die Dämmerung kratzte an den Fensterschlitzen, und Elias hörte das entfernte Rufen der Wächtergarde in der Stadt. Er wusste instinktiv, dass dies nur der Auftakt war. Veyron Kasall würde nicht tatenlos bleiben. Die Kontrolle über die Reinkarnationen drohte ihm zu entgleiten, und damit jede Hoffnung auf Erlösung.
Sein Herz raste – der finstere Widerhall der bevorstehenden Zerstörung drückte ihn nieder. Doch in diesem Moment verblasste auch die Erstarrung, und eine zustimmende Stimme in ihm flüsterte: Wissen ist Macht. Doch es ist die Wahl, die den Unterschied macht.
Elias biss sich auf die Lippe. Der Raum schien sich zu verengen, die Schatten schluckten das letzte Licht. Er musste schneller sein. Er musste stärker sein. Und vor allem: Er musste seine wahre Rolle finden, nicht als Opfer des Schicksals, sondern als dessen Meister.
Wie konnte er die Prophezeiung noch abwenden, bevor es zu spät war?
Ein Geräusch ließ ihn erstarren. Die Tür zum Kämmerchen öffnete sich einen Spalt, und ein Schatten fiel auf die uralten Steine.
Der Atem blieb ihm erneut stehen.
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Fortsetzung folgt...