Chapter 10
Kapitel 10 Der finstere Ursprung
Der kalte Wind schlug Elias ins Gesicht, als er die engen Gassen von Lurons Schattenstadt hinter sich ließ. Die Worte von Veyron hallten in seinem Kopf wider wie ein düsterer Trommelschlag, der jede Faser seines Seins erzittern ließ: „Dann lass uns sehen, wer zuerst fällt.“ Die scharfe Kante in Veyrons Stimme, das grausame Lächeln – es war nicht nur Herausforderung, es war Kriegserklärung.
Elias spürte die Schwere der Nacht auf seinen Schultern lasten, so als trüge er nicht nur die Kälte des Herbstmorgens in sich, sondern schwerere, unsichtbare Lasten. Ein scharfer Schmerz prallte gegen seinen Magen, ein Ziehen, das seine Sinne schärfte und zugleich lähmte. Seine Finger klammerten sich um den Griff seines Dolchs. Warum fühlte sich alles so verdammt falsch an? Die Frage schwebte wie giftiger Nebel in seiner Brust, ungesehen, doch unausweichlich.
Er rannte.
Nicht weil er fliehen wollte. Sondern weil er Angst hatte, stehenzubleiben. Stehenzubleiben hieße, in den schwarzen Strudel aus Erinnerungen und Besitzansprüchen hineingezogen zu werden, dort, wo Licht keine Chance hatte.
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Tage waren seit dem Kampf vergangen, doch Elias hatte sich in den Schatten der Bibliothek des Ordens verbarrikadiert, unter einem Berg aus alten Schriftrollen, Runen und vergessenen Texten. Strohdünne Kerzen flackerten neben ihm, warfen tanzende Schatten an die steinernen Wände, als man sich schon mit einem Fuß im Reich des Vergessens fühlte.
Seine Augen brannten. Er tauchte ein in alte Chroniken, nicht mehr suchend, sondern jagend. Jagen nach einem Namen, der immer wieder auftauchte, ein Flüstern inmitten des Krakenmeers der Geschichte: Veyron Kasall.
Was er fand, sprengte alles, was er zu wissen glaubte.
Elias lehnte sich zurück, die Haut schlapper als noch vor Stunden. Mit zitternden Fingern zog er eine vergilbte Pergamentrolle hervor. Die Schrift war fast unleserlich, doch er kannte diese Zeichen. Es war ein Vergessener Brief, der nach dem Blutvergießen der alten Reinkarnationskriege verfasst worden war.
"Veyron Kasall", murmelte Elias und seine Stimme war kaum mehr als ein Heldenflüstern. In dieser Chronik stand geschrieben, unter dem Decknamen „Der Schattenwanderer“...
Das Herz hämmerte so laut, dass es die Stille zerriss.
Der Schattenwanderer war einst eine Inkarnation von Elias selbst.
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Das Zimmer drehte sich. Elias fiel auf die Knie, ran an die Kehle schnürend, als wäre es ihm plötzlich verboten zu atmen. Er biss sich auf die Unterlippe, spürte den salzigen Geschmack seines eigenen Blutes.
Wie konnte das sein? Wie konnte ein Teil seiner selbst sich in diesen finsteren Pfad verirren, zum Feind werden? Ein Spiegelbild seiner Seele, das in der Dunkelheit zerbrochen war.
Seine Gedanken stürzten in einem Wirbel aus Erinnerungen: Ein junger Mann mit durchdringend grauen Augen, voller Überzeugung und Gier. Jemand, der Macht suchte, nicht um Leben zu schützen — sondern um sie zu beugen. Jemand, der einst das gleiche Blut in sich trug.
Die Pergamentrolle fiel ihm zu Boden.
Ein kaltes Kribbeln kroch seine Wirbelsäule empor, genau in jenem Stil, wie es nur Wahrheiten vermögen, die eine unheilvolle Wucht in sich tragen. Elias’ Atem wurde hastig, suchte Halt — einen Anker in dem tosenden Sturm.
Knarrend öffnete sich eine Fensterscheibe. Der Wind rüttelte daran, als wollte er selbst die finstere Offenbarung hinaus in die Welt schreien.
Elias zwang sich zum Stehen. „Du warst ich...“, flüsterte er. „Doch wie... wie bist du vom Licht abgefallen?“
Die Antwort war nicht in alten Schriften verborgen – nicht im trockenen Staub der Chroniken.
Sie lag jenseits der Worte, in der Frage selbst. Jenseits von Dualitäten und Schuld.
Vor ihm stand nicht nur sein Gegner.
Vor ihm stand ein verlorener Teil seiner eigenen Geschichte.
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Nächtliche Schritte hallten plötzlich durch die Gassen, brachen die Stille wie scharf geschliffene Messer. Elias fuhr herum, das Blut pochte in seinen Ohren.
War es Veyron? Oder noch etwas tiefer Verlorenes?
Eine schwere Gestalt tauchte aus dem Nebel auf, die Konturen verschwommen, doch die Präsenz schrie nach Antworten.
„Du suchst nach der Wahrheit in alten Schatten“, sagte eine raue Stimme, kaum mehr als ein Hauch.
Elias erkannte die Silhouette sofort und seine Finger krallten sich um den Dolch.
„Warum bist du hier?“, fragte er, die Stimme rau, doch beherrscht.
„Weil du keine Ahnung hast, was es bedeutet, der Dunkelheit zu verfallen. Noch nie wirklich.“ Die Stimme war fremd und doch merkwürdig vertraut.
„Erzähl mir“, verlangte Elias. „Wie bist du zu dem geworden, was du heute bist?“
Eine Pause. Dann ein kaltes Lachen, das aus der Tiefe einer zerbrochenen Seele kam.
„Die Antwort ist dunkler, als du dir vorstellen kannst, Thorne. Mehr als jede Legende, jede Prophezeiung. Aber pass auf – denn manche Wahrheiten sind tödlicher als jede Waffe.“
Der Gipfel der Erkenntnis lag so nah, doch der Abgrund darunter klaffte bereits.
Elias’ Herz zog sich zusammen. „Wie... wie konntest du – wir... das zulassen?“
Die Gestalt bewegte sich durch das schwindende Mondlicht, und ein Schatten fiel auf Elias’ Gesicht.
„Es gab einen Moment, einen Bruch – und danach gab es kein Zurück. Du solltest wissen, dass das Licht oft am dunkelsten ist, kurz bevor es erlischt.“
Dann wich die Gestalt lautlos zurück in die Nacht, ließ Elias mit brennenden Fragen allein.
Seine Hand schlug gegen die steinerne Wand des Ordens, als wollte er die Zeit selbst zerschmettern.
Wie hatte Veyron diesen Pfad der Dunkelheit betreten?
Und schrecklicher noch: Würde dieser Schatten wieder zurückkehren – und was würde er fürchteleien unter den Welten entfachen?
Elias spürte, dass die Stunde des Kampfes nicht mehr nur außerhalb, sondern tief in seinem Innern tollte.
Der Schatten seiner eigenen Vergangenheit war jetzt sein Feind.
Das Spiel war Krieg geworden.
Und das Ende war noch längst nicht geschrieben.
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Fortsetzung folgt...