Chapter 9
Kapitel 9 Fragmente einer anderen Seele
Das erste Grau des Morgens sickerte durch die schmutzigen Fenster der kleinen Wohnung, die Lara als provisorisches Versteck gewählt hatte. Ihr Körper schmerzte in jeder Faser. Blut getrocknet auf der Stirn, die Knöchel fühlten sich taub an, als lägen sie unter einer dicken Eisschicht. Der kalte Betonboden zog an der Haut, doch die Erschöpfung ließ kein Aufstehen zu. Sie blieb liegen, schwer atmend, das Herz schlug noch immer wie ein Hammerschlag gegen ihre Rippen.
Die Stille war trügerisch. Draußen vermischte sich das Krächzen eines einsamen Raben mit dem fernen Dröhnen der Stadt. Der Regen hatte aufgehört, doch die Luft roch feucht, nach nassem Asphalt und verrostetem Metall.
Lara zwängte sich langsam in eine sitzende Position. Ihr Blick war leer, als wollte ihr Geist sie an einen Ort schicken, von dem sie nichts wusste, aber unaufhörlich lockte.
Und dann kam es.
Ein Flimmern am Rande ihres Bewusstseins. Ein Bild, das sofort in ihrem Kopf aufploppte – ein heller Raum, kalte Glaswände, und Stimmen, die sich in metallischem Echo breiteten. Sie schloss die Augen, um das Bild festzuhalten – oder vielleicht um es loszuwerden.
„Du erinnerst dich nicht, weil du nicht erinnern sollst.“
Die Stimme war tief und präsent, ein Flüstern, das direkt unter ihrer Haut vibrierte. Lara öffnete die Augen. Der Raum um sie herum war unverändert, doch die Erinnerungsfragmente waren da und begannen, ihr Bewusstsein zu zerreißen.
Ein Schatten huschte durch das Szenario in ihrem Kopf. Eine Frau, blond, mit eisblauen Augen, die Lara zu erkennen glaubte – und doch vollkommen fremd war. Sie stand vor einem Fenster, blickte hinaus in einen nebligen, trostlosen Hof.
„Warum…?“ flüsterte Lara, ihre Stimme rau und zitternd.
Der Fluss der Bilder raste weiter. Hände, die eine Tür aufstießen; das kalte Klirren von Medikamentenfläschchen; ein Lächeln, aber kein warmes, nur das kalte Grinsen eines Mannes, den sie nicht kannte – Elias Krüger. Sein Blick war unerbittlich und durchdrang sie wie ein Pfeil.
Plötzlich riss sie ein weiterer Schlag aus der Erinnerung zurück. Ihr Atem ging stoßend, ihr Körper schien zu brennen und gleichzeitig zu frieren.
„Das ist nicht meine Erinnerung!“, sagte sie, obwohl ihr Verstand schwieg. Ein verbotener Gedanke rollte wie ein salziger Nebel in ihr Inneres: Was, wenn diese Fragmente nicht aus ihrer eigenen Vergangenheit stammten?
Draußen in der Stadt begann der Verkehr langsam laut zu werden. Doch in Laras Kopf braute sich ein Sturm zusammen. Sie griff nach ihrem Handy, das auf dem wackeligen Tisch neben ihr lag, doch die Anzeige – kein Signal. Ihre Finger telleten nervös über das Glas.
Ein neuer Name flammte auf, wie in Flammen geschrieben: Mara Winter.
Der Name lag schwer in der Luft. Wer war sie? Und wie konnte Laras zerbrochenes Gedächtnis plötzlich diese fremde Identität zeigen?
Ihr Herzschlag raste, die Wände schienen näher zu kommen, die Schatten länger. Ein kalter Schweißfilm legte sich über ihre Stirn.
Ein leises Klopfen an der Tür ließ sie erstarren. Ein Schatten – ein anderer – bewegte sich dort draußen. Schnell griff Lara zum Küchenmesser auf der Arbeitsplatte, der Griff rutschig kalt in ihrer Hand.
„Wer ist da?“ Ihre Stimme brüchig, doch fest.
Keine Antwort. Nur das gedämpfte Geräusch von schweren Schritten, die wieder davonzogen.
Lara verlor den Halt, sank zurück gegen die Wand, das Messer noch immer umklammert.
Wer war Mara Winter? Und warum hatte ihre Seele begonnen, sich mit Laras verlorenem Ich zu verweben?
Ein Fenster ihres Verstandes öffnete sich – einen winzigen Spalt lang. Ein Blick hinein zeigte eine Geschichte, die düsterer war als alle, die sie kannte.
Sie war nicht nur das Ziel der Jagd – sie war selbst Teil eines Spiels, dessen Regeln sie nie verstanden hatte.
Das Messer vibrierte in ihrer Hand. Die Tür, die sich einen Spalt geöffnet hatte – und das Gesicht dahinter – verblasste im Nebel ihres Verstands.
Wessen Vergangenheit spiegelt sich in Laras zerbrochenem Gedächtnis wider?
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Fortsetzung folgt...