NoveliqaIm Glanz der Vergessenen Schatten / Verlorene Identität :0%
Log in

Chapter 11

Verlorene Identität

### Kapitel 11 Verlorene Identität

Das Klopfen hallte nach – ein dumpfer Rhythmus, der sich in Laras Schädel bohrte. Der unheilvolle Nachklang rang ihr den Atem ab, zog die Welt ins Schweigen. Ihre Finger suchten hektisch nach der Wange, als wollte sie sicher sein, dass sie noch da war, dass die Kälte auf ihrer Haut nicht bloß eine eingebildete Schneise zwischen Realität und Albtraum war.

Sie hörte ihr eigenes Herz, dumpf pulsierend wie ein Morsecode, der eine Warnung aussandte. Doch worauf?

Langsam schob sie sich vom Schreibtisch weg, die Haut auf dem Handrücken kühl, fast klamm. Der Bildschirm flackerte zum letzten Mal, dann fiel das Licht endgültig aus. Ein schwarzes Loch, das sich in ihrem Blickfeld ausbreitete – aber in ihrem Inneren begann ein Sturm.

Es war nicht das Klopfen allein. Es war die bedrückende Schwere, die sich daran festkrallte. Die Erkenntnis, dass hinter diesem Knopfen mehr stand als eine bloße Anfrage.

Jemand bestimmte die Tür. Jemand kontrollierte den Zugang zu ihrem Zimmer, ihrem Verstand, ihrem Leben.

Ihre Kehle trocknete aus, ein kratziges Gefühl breitete sich dort aus, als auch ein Hauch von Panik ihr Herz zu erdrücken suchte.

Im Nebel, der ihre Gedanken umhüllte, formte sich ein Bild. Nicht nur fremde Erinnerungen, die sie nie erlebt hatte – sondern eine ganze Landschaft von Persönlichkeiten, die nicht sie selbst waren.

Eine Marionette. Und niemand hatte ihr die Fäden gezeigt – bis jetzt.

Sie schob die Beine vom Stuhl, ihre Glieder fühlten sich taub an. Jeder Muskel schien sich gegen sie verschworen zu haben, wild zuckt eine Erinnerung durch den Schleier: ein Spiegel, zerbrochen. Ein Gesicht, das sich verschob und glitt wie Wasser. Namen, die durch die Dunkelheit surrten, aber keine Wurzeln hatten. Täuschung.

Das Klopfen vereinzelte sich zu einem raschen Pochen. Jemand drängte. Beharrlichkeit, unverhohlene Forderung.

Laras Hand glitt zitternd zum Türgriff – dann stoppte sie. Die kalte Metalloberfläche fühlte sich eigenartig fremd an. Wie ein Schlüssel, der nicht zu ihrem Schloss passte, ihr Zuhause verriegelte, statt es zu öffnen.

„Wer bist du?“, flüsterte sie in die Stille, als versuche sie den Schatten hinter der Tür herauszufordern. Doch die Antwort blieb aus.

An ihre Stirn klopften Schweißkörner, ihre Augen, sonst hell wach, zeigten den ersten Anflug von Verwirrung. Die Fragmentierung ihres Ichs begann, Risse zogen über die Oberfläche dessen, was sie zu sein glaubte.

„Du bist eine Konstruktion, Lara“, hallte eine Stimme in ihrem Kopf. Der Klang war kalt, leise wie das Kratzen an Glas. Aber sie wusste – sie war nicht allein in ihrem Geist.

Im Halbdunkel schob sie den Stuhl zurück, der Boden knarrte leise, ein nerviger Fels in der Brandung ihrer rasenden Gedanken. Jeden Atemzug unterzog sie einer scharfen Prüfung – wie ein Spion, der jede Bewegung beobachtet.

Draußen vor der Tür peitschte der Wind eine Lawine aus Regentropfen gegen das Fenster, das Glas pulsierte im Takt der Stürme draußen und ihrer inneren Unruhe. Die Stadt atmete schwer, ein lebendes Wesen, das secrets zu verbergen wusste.

Sie spürte, wie die Schatten sich um sie schlossen – nicht nur die draußen, die Nebel der Gassen, sondern jene, die aus ihrem eigenen Inneren krochen.

Ein Bild blitzte auf:

Ein Labor. Kaltes Neonlicht. Metallschienen, Drähte, Köpfe, die in Apparaturen eingehakt waren. Datenströme auf Bildschirmen. Namen auf Aktenordnern, die ihr flüsterten: Manipulation. Kontrolle. Vergessen.

Ihr Herz raste, Worte formten sich in ihrem Mund, forderten Antworten heraus:

Wer bestimmt, wer ich bin? Wer wählt die Fragmente meiner Seele?

Ein eisiger Schauer kroch ihren Rücken hinauf, als eine Hand durch das Schloss drehte – langsam, bedrohlich.

Die Tür öffnete sich einen Spalt breit.

Ein Schatten schob sich hinein. Nicht der Dr. Krüger, sie wusste es instinktiv. Zu forsch, zu kalkuliert seine Bewegungen. Dies hier war jemand anderes – jemand, der zu wissen schien, was in ihr schlummerte.

„Lara...“ Die Stimme war rau, mit einer seltsamen Mischung aus Furcht und Resignation.

Sie spürte, wie ihre Knie weich wurden, die Luft aus dem Raum sickerte. Ein Kampf entbrannte – nicht mit Fäusten, sondern mit Erinnerungen, Identität und der bittere Wahrheitsgier.

Der Besucher trat vor. Sein Blick bohrte sich tief in ihres – suchte etwas Verlorenes, was sie selbst nicht greifen konnte.

„Du musst wissen, dass sie... uns geformt haben“, flüsterte er. „Mehrfach. Nicht nur dein Gedächtnis. Deine Persönlichkeit. Ein Puzzle mit wechselnden Teilen.“

Lara presste die Lippen zusammen, der Kloß in ihrem Hals schnürte ein. Ein Teil von ihr rebellierte, wollte fliehen, vergessen.

„Wer sind die ‚Sie‘?“, fragte sie leise, doch die Stimme zitterte vor aufkeimendem Zorn.

Der Mann zuckte mit den Schultern, als trüge er eine Last, die kaum jemand ertragen konnte.

„Die Mächte im Verborgenen, die Dr. Krüger dirigiert. Aber es ist weder seine einzige Geige noch sein einziges Spiel.“

Ein kurzes Schweigen. Dann ein verstohlener Blick zur Tür, die sich langsam hinter ihm schloss.

„Du bist mehr als ein Name, Lara. Aber diese 'mehrere'... die in dir wohnen, die anderen Stimmen – sie kämpfen gerade. Und wer gewinnt, bestimmt wohl auch deine Zukunft.“

Ein kalter Windstoß schien den Raum durchzufegen, als die Tür endgültig ins Schloss fiel.

Laras Haut prickelte.«

Ein Schwur bildete sich auf ihren Lippen – ein Versprechen an sich selbst und das Verrückte in ihrem Gehirn.

Ich werde wissen, was ich bin – bevor jemand anderes es entscheidet.

Sie ging zum Fenster, der trübe Blick verlor sich in der nebligen Stadt.

Und in der Ferne, verborgen im Dunkel, flackerte ein Licht.

Unaufhaltsam.

---

Wer bestimmt, wer Lara wirklich ist?

Die Antwort schwebt zwischen Schatten und Licht – bald schon eine Klinge, die durch ihr Herz schneidet.

---

Fortsetzung folgt...