Chapter 10
Kapitel 10 Das geheime Labor
Der Nebel kroch wie riesige kalte Finger durch die schmalen Ritzen der halb geöffneten Tür. Laras Herzschlag trommelte in ihren Ohren, bis er alles andere überdeckte – das leise, fast unhörbare Atmen, das Klappern von Metall in der Ecke, das Summen einer fernen Maschine. Ihre Hand zitterte, die Waffe fühlte sich plötzlich fremd und schwer an, als hätte sie die Kontrolle verloren.
Das Gesicht hinter der Tür – blass, mit scharf geschnittenen Zügen und dunklen Augen, die in ihr brannten – war verschwunden, bevor sie einen Namen erkennen konnte. Nur der metallische Geschmack von Angst lag noch auf ihrer Zunge.
Ein Schauer fuhr ihr über die Haut, als ihr Blick zum Boden glitt. Dort, zwischen Staub und verwischten Fußabdrücken, lag ein kleines, blitzendes Objekt. Ein USB-Stick, schwarz und unscheinbar, doch für Lara plötzlich so bedeutend wie ein Schatz. Sie hob ihn auf, spürte sofort den kalten Kunststoff, den vertrauten Griff. Es konnte ein Schlüssel sein – oder eine Falle.
Mit langsamen, vorsichtigen Schritten entfernte sie sich von der Tür, hinein in den Schatten des langen Flurs. Die Neonröhren summten monoton, warfen bläuliches Licht auf den abblätternden Putz. Der kalte Hauch des Vorhangs aus Nebel zog durch das kahle Bürogebäude. Der Geruch von abgestandenem Metall und alten Zigaretten schnitt in ihre Nasenflügel.
Laras Finger tasteten den USB-Stick. Die Erinnerung an ein technisches Gerät flackerte auf – viel zu schnell, als dass sie wirklich greifen konnte. Ihr Kopf schmerzte, als wollte jemand mit eiserner Faust darin herumrühren. Trotzdem schluckte sie den Widerstreit an Emotionen hinunter: Neugier, Furcht, Zweifel.
„Was verberge ich?“ murmelte sie leise, beinahe ohne Stimme. „Und bin ich Teil dieses Spiels?“
Im Hinterhof, verborgen hinter rostigen Containern, lag eine unscheinbare Tür – fabrikgrau und ohne Schilder. Ein verborgenes Portal zu einem Ort, den sie bisher nur als Schatten in ihren Träumen kannte. Genauso kalt, steril und beängstigend wie der Rest dieser vergessenen Welt.
Zum ersten Mal hatten die Quellen ihres Verstandes eine Spur offenbart.
Laras Herz setzte einen Schlag aus, als der USB-Stick in ihre rechte Hand glitt. Der leichte Frost der Nacht war in diesem Moment nebensächlich; ihr ganzer Körper war von elektrischer Anspannung durchzogen. Sie war hier, jetzt. Es gab keinen Zurück.
Ein leises Surren kündigte plötzlich Bewegung an. Von irgendwoher – vielleicht von den Lüftungsschächten – hörte sie ein kaum hörbares Kratzen, als ob jemand oder etwas überwachte.
Sie zog ihre Jacke enger, kroch zur Tür, die in den Hinterhof führte. Jeder Schritt hallte hohl, vermischte sich mit dem Puls ihres eigenen Atems. Dann öffnete sie sie, der kalte Wind schlug ihr ins Gesicht, nahm den muffigen Geruch des Labors mit hinaus in die Nacht.
Vor ihr lag das geheime Labor. Ein langer, schmaler Gang, dessen Wände mit blinkenden Bildschirmen und blinkenden Kontrollpaneelen bedeckt waren. Das Licht war gedämpft, doch eisig weiß, es reflektierte in den Medizinschläuchen, in den winzigen Tropfen auf gläsernen Behältern.
An einem monitorgesteuerten Tisch lagen Akten, deren Deckel mit vertrauten Symbolen und Zeichnungen bedeckt waren. Lara trat näher, die Hände noch immer vom Adrenalin gepeitscht. Ein digitaler Code forderte sie zur Eingabe auf. Sie atmete tief durch, die Finger zitterten, dann begann sie zu tippen.
Der Bildschirm flackerte, Codes zogen vorbei wie ein Datenstrom aus einem anderen Leben. Dort, inmitten kryptischer Zahlen und Diagramme, stieß sie auf eine Datei mit dem Titel: „Projekt Mnemosyne“.
Der Name bohrte sich wie ein scharfer Dolch in ihr Gedächtnis.
Sie klickte die Datei an. Daten, Bilder, Projektbeschreibungen flogen über den Screen. Lara erkannte sofort die Relevanz: Ein Experiment zur Manipulation von Erinnerungen – ein Versuch, das Gehirn neu zu programmieren, Erinnerungen gezielt zu löschen oder einzupflanzen.
Ihr Magen verknotete sich, Schleier fielen vor ihre Augen. War das der Grund für ihren Verlust? War sie das Ergebnis eines dieser Versuche? Ein lebendes, atmendes Produkt einer grausamen Wissenschaft?
Ein weiteres Fenster öffnete sich.
Dort: Fotos von Probanden, klinische Berichte, Skizzen über neurochirurgische Eingriffe. Und dann – ihr eigenes Bild, schwarz-weiß, mit einem Barcode auf der Haut am Handgelenk. Daneben Notizen, fast wie ein Tagebuch: „Subjekt 47 – hochgradiger Gedächtnisverlust, unerwartete Reaktionen bei Stimulation.“
Ein Schmerz schoss durch ihren Kopf. Ihr Blick zitterte, als sie vom Monitor auf die eigene Hand sah – kein Barcode. Doch das Bild hatte sich eingebrannt.
„Bin ich ein Experiment?“ flüsterte sie, als die schwere Tür des Labors mit einem knirschenden Geräusch hinter ihr zufiel.
Das metallische Einklinken hallte durch den Raum wie ein Todesurteil.
Lara wirbelte herum, die Waffe erhoben, doch der Raum war leer. Nur das rhythmic pulsierende Summen der Maschinen und das dumpfe Ticken einer weit entfernten Uhr begleiteten sie.
Der USB-Stick glühte unerklärlich warm in ihrer Hand.
Plötzlich vibrierte ihr Telefon. Das Display zeigte einen unbekannten Anruf.
„Lara,“ flüsterte eine Stimme am anderen Ende. Gekrächzt, verzerrt, als käme sie aus einer anderen Welt.
„Du weißt zu viel. Hör auf zu graben – sonst wirst du nie erfahren, wer du wirklich bist.“
Der Hörer fiel aus ihrer Hand. Ein kalter Schweißfilm bedeckte ihre Stirn.
Vor der Tür erklang ein leises, aber deutliches Kratzen – als würde jemand durch den Nebel bis hierher folgen, bereit zum Schlag.
Lara hob den Blick.
„Bin ich das Produkt eines Alptraums?“
Die Schatten flüsterten ihre Antwort.
Und dann – ein Klopfen. Langsam, eindringlich. Direkt an der Tür.
Lara hielt den Atem an.
Der Moment spannte sich wie ein unsichtbares Seil – zwischen Wahrheit und Wahnsinn.
Ein letztes Flimmern auf dem Bildschirm.
Dann Stille.
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Fortsetzung folgt...