NoveliqaHerz unter Vertrag: Billionärs geheime Leidenschaft / Ein unerwarteter Zeuge :0%
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Chapter 6

Ein unerwarteter Zeuge

Der erste Atemzug nach dem Schock brannte wie Feuer in Emilias Lunge, jeder Herzschlag zog ihr den Boden unter den Füßen weg. Sekunden nur – und doch hatten sie sich in eine Ewigkeit gestreckt, als die Stadt draußen, mit all ihren Blendwerken und verflochtenen Intrigen, plötzlich von ihr wegrückte. Ihr Blick haftete an den dunklen Schatten der Wohnung, die eben noch so vertraut gewirkt hatte, jetzt aber wie ein Käfig bereit war, sie zu verschlingen.

Sie musste etwas tun. Sofort.

Emilia trat zögernd ans Fenster, die Hand glitt über die kühle Glasfläche. Draußen pulsierten die Lichter der Stadt wie ein lebendiges Herz, unerreichbar. „Wer hat meinen Vater gesehen? Wer weiß mehr als ich?“ flüsterte sie in die Leere, während ihre Finger unbewusst ein eingerolltes Papierstück aus der Tasche zog.

Der Zettel – ein Hinweis, der vor einigen Tagen in ihrem geheimen Postfach gelandet war. Nur ein Name darauf: „Simon Keller. Keller. 183 Breitenfeldstraße. Frag nach dem Anker.“ Keine Erklärung. Kein Kontext.

Verwirrung mischte sich mit Hoffnung. Anker? Was für ein Anker? Doch irgendetwas in dem Namen knirschte leise an der Oberfläche ihrer Gedanken – ein alter Bekannter ihres Vaters? Eine Verbindung zu dem, was versteckt wurde?

Sie zog ihren Mantel enger um sich und stürmte los, die Schuhe klickten hektisch auf dem Asphalt. Das Aufstauen der Emotionen überschwemmte sie mit einer kalten Gewissheit: Dies musste der Weg aus dem Labyrinth sein.

Die Breitenfeldstraße lag abgelegener, zwischen verblichenen Backsteinhäusern und schmalen Gassen – ein Kontrast zu den glitzernden Wolkenkratzern, die sonst ihre Welt dominierten. Ihre Schritte hallten einsam auf dem nassen Pflaster, der Regen hatte auf ein unheilvolles Nieseln umgeschaltet. Ein feiner Nebel kriechte über den Boden, verschleierte die Schatten.

Emilia erreichte das verfallene Gebäude mit der Nummer 183. Die rauen Holzjalousien waren halb geschlossen, dahinter verbarg sich kaum mehr als die düstere Umrisse einer Werkstatt. Kein Schild, keine Einladung – nur die Stille und die Kälte der Nacht.

Sie klopfte dreimal, zaghaft und doch bestimmt.

Die Tür öffnete sich einen Spalt, und ein Gesicht tauchte auf. Ein Mann, Mitte fünfzig, verschmitzt, mit grauen Strähnen im zerzausten Haar. Seine Augen blitzten kurz auf, als er sie musterte.

„Simon Keller“, sagte Emilia. „Ich brauche Ihre Hilfe. Es geht um meinen Vater.“

Ein tiefer, schroffer Seufzer entwich ihm. Er trat zurück und deutete auf die dunkle Werkstatt.

„Wenn du rein willst, dann musst du wissen: Es gibt kein Zurück mehr, Emilia.“

Die Namen hatten ihn gezeichnet. Tief. Seine Stimme war rau wie Kies, dabei lag eine unerwartete Wärme darin. Sie trat ein, und ein leichter Geruch von Öl und altem Papier umfing sie, vermischt mit einem Hauch Zedernholz.

Vor ihr lag ein Schreibtisch, übersät mit alten Fotos, Zeitungsausschnitten und handgeschriebenen Notizen. Auf einem davon prangte eine verblasste Schrift: „Viktor Hartmann, 2017 – letzte Sichtung.“

Emilia beugte sich vor, betrachtete das Bild ihres Vaters, wie er auf einem verlassenen Trackingfoto draußen vor einem Industriekomplex zu sehen war. Seit Jahren hatte niemand diesen Ort betreten. Nicht einmal die Polizei.

„Warum haben Sie sich versteckt?“ Die Frage brannte in ihr.

Simon senkte den Blick, seine Finger spielten nervös an einem abgenutzten Feuerzeug.

„Weil die Wahrheit gefährlich ist. Weil die Schatten, die deinen Vater holen wollten, bis heute nicht loslassen.“

Ein kalter Schauder kroch Emilias Rücken hoch, der Raum schien sich damit noch weiter zu verdichten, als hätten die Wände selbst sich zusammengezogen, um ihre Worte einzufangen.

„Was haben Sie gesehen? Wo war mein Vater wirklich?“

Er holte tief Luft. „Nicht hier. Aber ich kenne jemanden, der mehr weiß. Jemand, der sich nicht erinnern will, aber muss.“

Emilias Herz stolperte. Sie hatte schon zu oft Enttäuschung geschmeckt. Doch diesmal funkelte eine andere Kraft in ihr auf: Die Möglichkeit, das Geheimnis zu durchbrechen.

„Wie finde ich diese Person?“

Ein überraschtes Lächeln zeichnete Simons alterndes Gesicht.

„Ich will dich warnen. Es wird nicht leicht. Und es wird dein Leben verändern.“

Seine Hand zog ein kleines, gezeichnetes Sketchbook aus einer Schublade. Darin ein Porträt, zerknittert, mit einem namenlosen Mann darauf.

„Er heißt Jakob Falk. Ein Zeuge, der mehr gesehen hat, als gut für ihn ist.“

Emilia klammerte sich an diesen Namen, als wäre es ihr letzter Halt.

„Wann kann ich ihn treffen?“

Simon zögerte, dann nickte er.

„Heute Nacht. Er versteckt sich hier. Aber niemand darf wissen, dass du kommst. Nicht Andreas Lindholm. Nicht seine Schergen.“

Der letzte Satz ließ eine eisige Kälte in Emilias Rücken hinablaufen. Andreas. Der Mann, dessen kalte Vernunft wie ein Brandsturm über alles hinweggefegt war. Ihr Feind, ihr Schatten.

„Ich werde kommen“, sprach sie leise, entschlossen.

Simon drängte sie aus der Werkstatt, der kalte Nachtwind schlug ihr ins Gesicht. Die Straßen waren leer, doch irgendwo da draußen lauerte die Gefahr, fühlbar in jedem Rascheln der Blätter.

Emilia zog die Kapuze tiefer über den Kopf und machte sich auf den Weg zu einem kleinen Café in einer Nebenstraße. Dort, im Zwielicht, sollte sie Jakob treffen.

Die Glocke über der Klinke schlug scharf, als sie eintrat. Ein paar vereinzelte Gestalten blickten auf, dann wandten sie sich schnell ab. Jakob saß am hinteren Ende des Raumes, die Schultern tief gesenkt, als könnte er die Last der Welt nicht abschütteln.

Seine Augen waren blau, durchdringend, doch aus ihnen sprach eine verhaltene Angst.

„Du bist Emilia?“, fragte er, kaum lauter als ein Flüstern.

„Ja. Und du hast etwas, das ich brauche.“

Sein Kopf neigte sich leicht, skeptisch, wachsam.

„Die Wahrheit über meinen Vater. Ich weiß, er ist nicht einfach verschwunden.“

Jakob sah sich um, bevor er sich vorbeugte.

„Ich habe Dinge gesehen. Dinge, die Menschen zerstören können.“

Am Nebentisch klingelte ein Handy schrill, der Ton schnitt durch die Spannung wie ein Messer.

Emilia sah Jakob an. Die Zeit zerrann. Jeder Atemzug konnte von jemandem beobachtet werden, der sie aufhalten wollte.

„Sag mir, was du weißt“, flüsterte sie.

Jakob ringte mit sich, dann kam das Geständnis.

„Dein Vater war Teil von etwas, das niemand kriegen sollte. Ein geheimes Projekt. Und Andreas? Andreas will nicht nur ihn – er will alles zerstören, was dein Vater aufgebaut hat.“

Ein dumpfes Pochen setzte in Emilias Kopf ein. Andreas. Das fehlende Puzzle fügte sich zusammen – ein persönlicher Feldzug, getränkt in Wut und Rache.

„Wie kann ich ihn stoppen?“

Jakob sah sie streng an.

„Du kannst es nicht. Aber du kannst herausfinden, was wirklich passiert ist.“

Plötzlich knarrte die Eingangstür hinter ihnen. Ein Schatten glitt hinein, die Temperatur sank schlagartig.

Jakob erstarrte. Emilia spürte das Gewicht des Moments, als die Tür ins Schloss fiel.

Wer war gekommen? Freund oder Feind?

Ihr Herz raste, der Spot der Enthüllung war gekommen.

Und während das Licht in der Mitte des Cafés flackerte, blieb die Frage in der Luft stehen:

Würde diese Begegnung sie tatsächlich dem wahren Geheimnis ihres Vaters näherbringen — oder in einen noch tieferen Abgrund stürzen?