Chapter 5
Der Klang des Türschlosses hallte noch in ihrem Ohr, als Emilia sich langsam von der Wand abwandte. Ihre Brust hob und senkte sich unregelmäßig, jeder Atemzug ein kleiner Kampf gegen das pochende Herz in ihrer Brust. In den Schatten des Raumes schien die Kälte tiefer zu kriechen, dicker, als je zuvor.
Ein leises Klingeln durchbrach die Stille. Ihr Handy vibrierte auf dem Tisch. Ohne hinzusehen, wusste sie, wer es war. Andreas Lindholm. Ein Name, der wie ein kalter Windhauch durch ihren Verstand fegte.
Sie hob das Gerät, die Finger zitterten kaum merklich. „Emilia.“
Seine Stimme kam unvermittelt, weich, doch mit einem Ton, der nichts Gutes verhieß. Ein Raunen voller unterschwelliger Bedrohung.
„Was willst du?“, flüsterte sie, mehr zu sich selbst als zu ihm.
„Wirklich, Emilia? Nach allem, was du über mich weißt, überrascht mich das fast.“ Andreas lehnte sich zurück, sein Blick blitzte in der Dämmerung, als säße er direkt vor ihr. „Ich habe dir nur etwas anzubieten. Ein Spiel. Eine Wahrheit.“
Sie biss sich auf die Lippe, spürte die Erinnerung an ihre Kindheit, an den verschwundenen Vater, an Hoffnung und Angst. Andreas wusste mehr, viel mehr, als er zugab.
„Was für ein Spiel?“, fragte sie, die Stimme nun härter.
„Ein Spiel, das Viktor Lindholm verlieren lässt. Und du stehst mitten drin.“ Er lächelte kalt. „Du bist seine Schwachstelle, Emilia. Die Figur, die das Schachbrett endgültig kippen könnte.“
Der Raum schien sich zu verändern, Wände rückten näher, Schatten wuchsen. Andreas’ Worte surrten wie eine Drohne im Hinterkopf.
„Warum solltest du mir helfen?“, fragte sie, skeptisch und misstrauisch zugleich.
„Ich helfe nicht. Ich manipuliere“, korrigierte er streng. „Deine Familie hängt an einem seidenen Faden. Wenn du denkst, Viktor sei dein Anker, dann irrst du dich gewaltig.“
Sein Blick durchbohrte sie, als wollte er ihr gar nicht den Schutz bieten, den sie suchte, sondern den Dolch in die Hand drücken.
„Ich kenne deine Angst, Emilia. Und ich kenne die Geheimnisse, die dich zerreißen. Du spielst in meinem Spiel eine Rolle, ob du willst oder nicht.“ Er sah zu, wie sich ihr Kiefer anspannte. „Aber ich kann dir helfen – unter einer Bedingung.“
Sie kniff die Augen zusammen und ballte die Hände zu Fäusten. Das Verlangen, ihm zu widersprechen, in ihm etwas zu zerbrechen, war stark. Doch der Schmerz ihrer Familie, die bedrückende Wahrheit über den Vater waren stärker.
„Welche Bedingung?“, fragte sie schließlich, ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch.
Andreas stand auf, ging zu einem Fenster. Seine Silhouette Zeichnete sich gegen das schwindende Licht ab wie ein finsterer Schatten. „Du wirst gegen Viktor spielen. Für mich. Ich brauche jemanden in seinem Innersten, jemanden mit seinem Vertrauen.“
Er drehte sich langsam um, seine Augen glühten hinter den dunklen Gläsern seiner Brille. „Du bist die perfekte Kandidatin. Eine Vertragsfrau, die zu viel weiß – und doch scheinbar zu nichts verpflichtend.“
Seine Worte sanken wie Steine in ihren Magen. Hatte sie wirklich eine Wahl? War die Mauer um sie herum nicht schon zu zerbrochen, dass ein neuer Sturm sie jetzt erschüttern konnte?
Plötzlich läutete ihr Handy erneut. Eine SMS. Keine Nummer, nur eine warnende Nachricht:
"Wach auf, Emilia. Das Spiel beginnt. Du bist nicht die Marionette. Noch nicht."
Ein kalter Schauder fuhr ihr den Rücken hinab. Andreas’ Lächeln wurde breiter, fast triumphant.
Wie plante er, Emilia gegen Viktor auszuspielen?
Der Raum schien in Sekundenschnelle zu schrumpfen, als der Schatten einer neuen Intrige über ihr schwebte. Die Stadt draußen verlor für einen Moment ihren Glanz. Die Welt glitt unter ihre Füße.
Und Emilia wusste: Von nun an gab es kein Zurück mehr.