Chapter 4
Der Raum schien förmlich den Atem anzuhalten. Emilia spürte das Kribbeln in ihren Fingerspitzen, die kalte Ecke ihres Nackens, in der sich gleich Gänsehaut breitmachen würde. Sie hielt den Brief noch immer in der Hand, die Worte wirbelten wie Schatten durch ihren Kopf—vielleicht gefährlicher, als sie es je gewagt hatte zu glauben.
Ein leises Klacken auf dem Flur ließ sie hastig zusammenfahren.
„Emilia?“ Viktor Lindholm trat ein, seine Stimme so glatt und kühl wie immer, aber heute schien ein Hauch von Überraschung darin zu liegen. Die Brauen leicht zusammengezogen, sein Blick scharf wie ein Skalpell.
Sie steckte den Brief hastig in ihre Jackentasche, zwang sich zu einem nüchternen Atemzug. „Ich… hab schon nachgedacht.“
„Über was?“ Seine Augen suchten die ihren, verlangten Antworten. Doch nicht nur das: etwas Anderes, Unerwartetes flackerte in der Luft zwischen ihnen—eine Spannung, geladen und doch zögerlich, als würde sich das Eis unter ihren Füßen langsam brechen.
„Über die Stadt.“ Sie wich seinem Blick nicht aus. „Über die Geheimnisse, die sie vergräbt. Über Dinge, die man nicht wissen will … und trotzdem wissen muss.“
Sein Mundwinkel zuckte, kaum merklich—ein winziges, fast spöttisches Lächeln. „Du bist nicht wie die anderen Vertragsfrauen, Emilia.“
Das sagte er, als sei es ein Kompliment, aber Emilia spürte den Unterton. Sie hing nicht in der seidenen Welt des Luxus in den Sternen, sondern stand mit beiden Füßen in einem düsteren Graben, den sie nicht einmal komplett sehen konnte.
Viktor trat näher. Der Duft seines Parfums griff nach ihr, herb und wachrüttelnd zugleich. Ein blendendes Paradox aus Eleganz und Gefahr. Emilia merkte, wie ihr Herz gegen die Rippen schlug, so falsch und richtig zugleich.
„Warum hast du mir den Brief nicht gezeigt?“ Seine Stimme war plötzlich anders, rauer, unvermittelt nah. Nicht mehr der distanzierte Millionär, sondern ein Mann, der etwas verbarg.
„Ich wusste nicht, was ich tun sollte.“ Die Wahrheit brannte in ihrer Kehle. „Ich habe Angst.“
Sein Blick verriet einen winzigen Hauch von Verständnis, der wie ein Blitz in einem kalten Winterhimmel aufflackerte. „Angst? Vor der Wahrheit?“
Emilia nickte, ein halbes Lächeln brach durch ihre Anspannung. „Manchmal ist das Unbekannte weniger erschreckend als das, was man zu wissen glaubt.“
Viktor trat noch einen Schritt näher. Sein Schatten fiel über sie, die Distanz schmolz dahin. Emilia spürte die Hitze seines Körpers, die Spannung wurde greifbar, wie ein Drahtseil, auf dem sie balancierten.
Ihre Finger berührten sich flüchtig—versehentlich? Kein Raum für Unsicherheiten, zu knapp der Abstand zwischen ihnen. Emilia spürte, wie sich ihr Puls beschleunigte, ein elektrisierender Funke, der durch ihre Adern jagte.
„Du willst also wissen, was ich wirklich will?“ Seine Stimme war kaum mehr ein Flüstern. Nur noch einen Herzschlag entfernt.
Sie öffnete den Mund, doch kein Wort kam heraus. Stattdessen schloss Viktor die Distanz, seine Hand berührte zaghaft ihre Wange. Ein Hauch von Wärme an der kalten Haut, eine Berührung, die etwas offenlegte, das weit über Macht oder Geschäft hinausging.
„Das hier ist nicht nur ein Vertrag, Emilia“, hauchte er. „Es ist eine Verbindung.“
In dem Moment hörten sie Schritte im Flur, ein Rascheln, das stiller gewordene Luftschnitt. Ihre Augen weiteten sich im selben Moment, als die Tür einen Spalt geöffnet wurde.
Doch niemand trat ein—nur ein Schatten, flüchtig und doch wie ein Vorbote einer drohenden Wahrheit.
Viktor blickte wieder zu ihr hinunter, seine Maske aus Eis eine Spur brüchiger als zuvor.
„Was ich wirklich will, bleibt mein Geheimnis,“ sagte er leise, die Hand noch immer auf ihrer Wange—und doch spürte Emilia, dass die Mauer längst Risse bekam.
Die Tür schloss sich mit einem leisen Klick.
Und die Frage, die in der Luft hing, war nichts weniger als eine Provokation:
Was verbirgt Viktor Lindholm hinter seiner eisigen Fassade wirklich?