NoveliqaEwiges Versprechen: Im Schatten der Wahrheit / Gefährliche Nähe :0%
Log in

Chapter 9

Gefährliche Nähe

Kapitel 9 Gefährliche Nähe

Die gebrochene Stille hing wie ein kalter Nebel zwischen ihnen, nachdem das Klirren verklungen war. Emilia spürte den dumpfen Druck im Brustkorb, das Flimmern vor ihren Augen. Jede Sekunde dehnte sich, wogte und drohte sie zu erdrücken. Abwesend sah sie auf den zersplitterten Glasboden vor ihren Füßen. Ein Meer aus scharfkantigen Reflexen, das im schwachen Licht zerbrach – so wie ihre Sicherheit, so wie ihre Mauer aus Verschweigen und Angst.

Marc stand kaum einen Meter von ihr entfernt. Sein Blick war dunkler, härter als zuvor, doch im selben Moment schien etwas davon zu zerbröckeln. Unausgesprochen hing das Gewicht dieses Moments zwischen ihnen. Ihre Blicke trafen sich und erstarrten.

„Emilia…“ Seine Stimme war rau, fast zerbrechlich. Kein Angriff, keine Forderung – ein Flüstern, das tiefer bohrte als sein sonst so undurchdringlicher Panzer.

Sie hob den Kopf. Ihr Herz schlug so heftig, dass jeder Herzschlag wie ein Donnerschlag in ihren Ohren schallte. Kalter Schweiß sammelte sich an ihren Fingerspitzen, die sich unwillkürlich zu Fäusten ballten.

„Warum bist du hier?“ Ihre Worte kamen karg, wie aus weit entfernten Tiefen gezogen.

Marc trat einen Schritt näher. Der Geruch von Leder und kaltem Herbstregen umgab ihn. Seine Präsenz war überwältigend, als ginge von ihm ein unsichtbares Magnetfeld aus, das alles andere verblassen ließ.

„Weil ich nicht gehen kann“, antwortete er. „Weil du nicht gehen darfst.“

Ein bitteres Lachen stieg ihr auf, erstickt fast in ihrer Kehle.

„Du sagst das, als hätten wir eine Wahl.“

Er hob die Hände, langsam, als wolle er nichts kaputt machen. Doch Emilia spürte, wie die Luft zwischen ihnen geradezu flimmerte – geladen mit unausgesprochenen Versprechen und alten Wunden.

„Vielleicht“, sagte er leise, „gibt es Dinge, die wir nicht vergessen dürfen. Aber vielleicht auch welche, die wir neu schreiben können.“

Sein Blick veränderte sich, wurde weicher, verletzlicher. Erinnerungen blitzten auf – die gemeinsamen Nächte, die heimlichen Gespräche, die Vertrautheit, die ihnen einst ein Zufluchtsort war.

Emilia schluckte, ihre Lippen zitterten. „Die Vergangenheit...“ begann sie, doch ihre Stimme versagte.

„Sie hat uns geformt. Aber sie muss uns nicht zerstören.“ Er kam noch einen Schritt näher, bis nur noch ein Atemzug zwischen ihnen war.

Das Flackern einer flackernden Straßenlaterne draußen spiegelte sich in seinen Augen – flüchtig, flammend, zerbrechlich.

„Kannst du das?“ fragte er, so leise, dass es fast ein Gebet war.

Emilia schloss die Augen, die Bilder überschlugen sich: das Versprechen, das sie einst gegeben hatte, die Geheimnisse, die ihre ganze Welt zu zerreißen drohten, die Schatten, die unerbittlich nach ihr griffen.

Das Gewicht der Jahre, der Angst, der Liebe, der Lies – alles in diesem Moment.

Ihre Stimme war kaum mehr als ein hauch: „Ich weiß es nicht.“

Ein kalter Wind strich durch den zerbrochenen Spalt im Fenster und wirbelte Staub und Splitter wirbelnd um ihre Füße. Die Dunkelheit kroch näher, doch in diesem Raum, zwischen ihnen, flackerte ein Funke – gefährlich, unberechenbar.

Marc hob langsam die Hand, seine Fingerspitzen streiften kaum merklich ihre Wange. Ein Stromstoß jagte durch Emilia, heiß und frostig zugleich. Ihre Welt schwankte, hing an diesem winzigen Kontakt, dem Vermächtnis einer Verbindung, die tiefer war als jede Vernunft.

Plötzlich, wie aus dem Nichts, klopfte es heftig an der Tür – störend, eindringlich, wie ein Warnsignal.

Beide zuckten zusammen. Die Realität brach knallhart herein, riss sie auseinander.

Marc wich zurück, doch die Gefahr hatte die Tür noch nicht durchschritten. Seine Augen suchten die ihren, suchten eine Antwort, eine Entscheidung.

Kann die Vergangenheit wirklich vergessen werden, oder zerreißt sie alles?

Das Klopfen wurde lauter, dringlicher.

Emilia blieb wie versteinert stehen. Fünf Worte schossen ihr durch den Kopf, laut und klar wie ein Sirenenschrei: „Es gibt kein Zurück mehr.“

Die Türbewegung begann.

Es war der Augenblick der Entscheidung – und darüber hinaus schwebte nur noch das unerträgliche Schweigen.

Die Nacht hatte ihre Schatten ausgebreitet, und nichts würde je wieder sein wie zuvor.