Chapter 7
Kapitel 7 Marc und die Dämonen
Die Tür krachte gegen die Wand, sie schwang offen auf, und die kühle Nachtluft strömte hinein, durchdrang den stickigen Raum. Emilia erstarrte, ihre Finger krallten sich in den Ärmel ihres Mantels. Vor ihr stand Marc Vogel, seine Silhouette umrahmt vom flackernden Licht des Flurs. Sein Blick war kein Blitz aus Freude oder Triumph, sondern ein kaltes, ausgelöschtes Meer aus Schatten.
„Du kannst nicht ewig weglaufen, Emilia“, sagte er, die Stimme leise, aber schneidend wie eine Rasierklinge. Sein Fuß schob die Tür einen Spalt weiter auf, und ein schwerer Geruch nach Rauch und altem Leder kroch in den Raum.
Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen, die Luft schien dichter zu werden. Der Raum war plötzlich ein Käfig, und Marc der Löwe, der langsam nähertrat, jeder seiner Schritte ein dumpfes Echo, das ihr Pulsschlag zu übertönen versuchte.
„Was willst du hier, Marc?“ Ihre Stimme zitterte kaum hörbar. Ein Schutzschild, dünn wie ein Blatt Papier.
Marc trat näher, und ein kaum wahrnehmbares Zittern in seiner Stimme gab mehr preis, als er wollte. „Ich brauche Antworten. Von dir.“
Emilia wich einen Schritt zurück, verlor fast das Gleichgewicht. Ihre Augen suchten den Fluchtweg, doch Marc stand ihr im Weg wie ein dunkler Block aus eisernem Stahl.
„Du weißt, dass ich nichts sagen kann“, flüsterte sie, mehr zu sich selbst als zu ihm.
„Das glaube ich nicht“, entgegnete er mit einem bitteren Lachen, das ihm wie Gift im Hals brannte und doch aus ihm herausbrach. „Du versteckst etwas. Etwas, das genauso tief in dir verwurzelt ist, wie das, was mich verfolgt.“
Ein Schatten glitt über sein Gesicht, als würde eine unsichtbare Last ihn zusammendrücken. Für einen Moment glaubte Emilia fast, die kalte Fassade bröckle. Aber dann hob er den Kopf, seine Augen blitzten entschlossen.
„Willst du wissen, warum ich dich jage?“, flüsterte er eindringlich. „Nicht nur, weil du etwas weißt. Sondern weil ich meine eigenen Dämonen im Kampf gegen deine sehe.“
Emilia spürte, wie eine eisige Luftströmung durch den Raum schnitt. Die Worte waren mehr als eine Drohung – es war eine Einladung, in eine Vergangenheit einzutauchen, die sie beide gefangen hielt.
Marc zögerte, dann beugte er sich leicht vor, seine Stimme noch eindringlicher: „Vor fünf Jahren... ich habe etwas getan, etwas, das mich verfolgt wie ein Schatten, der nie verschwindet. Es war ein Moment der Schwäche und des Verrats. Ein Fehler, der mein Leben zerfetzte.“
Seine Augen leuchteten in der Dunkelheit, als erzähle er diese Geschichte nicht nur ihr, sondern auch den Geistern, die ihn heimsuchten.
„Ein Freund... ich hatte einen Freund. Jemanden, den ich wirklich vertrauen konnte. Und ich habe ihn verraten. Nicht absichtlich – nein –, aber die Folgen...“ Seine Stimme brach. „Sie waren verheerend.“
Emilia trat langsam dichter, die Überraschung malte Muster in ihr Gesicht. Sie hatte Marc bisher nur als kalten, berechnenden Gegner gesehen, jemand, der hinter Masken und Lügen lebte. Doch hier war der Hauch eines Menschen, verwundet und zerbrochen.
„Warum erzählst du mir das?“ fragte sie mit belegter Stimme.
Er hob die Hand, fuhr sich über das Gesicht, als wollte er die Schatten von gestern abschütteln. „Weil du mehr bist als mein Feind, Emilia. Du bist der Spiegel, den ich nicht ausblenden kann. Deine Geheimnisse sind ein Teil meines Albtraums – und wohl auch meine einzige Chance auf Erlösung.“
Seine Worte sanken wie Bleiklumpen in die Stille. Emilia spürte, wie sich ihre Brust zusammenzog. Der Wunsch, diesen Mann zu durchschauen, mit ihm zu kämpfen, war längst zu etwas anderem geworden. Zu einem gefährlichen Tanz am Rande des Abgrunds.
„Du suchst etwas in meinem Schatten, Marc.“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch. „Aber was genau?“
Ein Funkeln trat in seine Augen, ein Funke, der irgendwo zwischen Zorn und Verzweiflung hin und her pendelte. „Die Wahrheit. Meine Wahrheit. Und vielleicht… deine.“
Der Raum schien sich zu verdichten, jede Faser ihrer Haut spannte sich an. In diesem Augenblick, als die Nacht um sie herum dichter wurde, war nichts mehr sicher – kein Versprechen, keine Lüge, kein Schatten.
Ein leises Klopfen an der Tür ließ beide erstarren.
Doch keiner von ihnen bewegte sich. Es war, als hielte die Zeit den Atem an.
Das Klopfen wiederholte sich. Und mit jedem Schlag kroch eine Frage tiefer in Emilias Herz –
Was sucht Marc wirklich in ihrem Schatten?