Chapter 6
Kapitel 6 Zerreißende Wahrheiten
Das Rascheln des Vorhangs, das gedämpfte Knarren hinter ihr – Emilia spürte, wie jede Faser ihres Körpers sich aufspannte, als ob ein unsichtbarer Draht ihre Nerven zerschnitten hätte. Das Kichern war verklungen, doch das widerhallende Echo nagte weiter an ihrer Ruhe, die sich inzwischen wie ein dünnes Blatt Papier anfühlte, das jeden Moment zerreißen konnte.
Der Raum schien enger zu werden, die Schatten verlängerten sich wie schwarze Finger an den Wänden. Ein kalter Luftzug schlich um ihre Schultern, als würde der Raum selbst den Atem anhalten.
„Emilia?“ Die Stimme war weich, fast unschuldig – aber mit einem Unterton aus knirschendem Eis, so unverkennbar, dass ihr Herz in der Brust ein paar unregelmäßige Schläge machte.
Sie drehte sich langsam um. Dort stand Marc Vogel. Der Blick in seinen Augen war unergründlich, eine Mischung aus triumphierender Erwartung und unverhohlener Bedrohung.
Emilia hob den Blick, ihr Herz hämmerte gegen den Brustkorb, als wollte es entkommen. „Was willst du hier? Wie bist du reingekommen?“ Ihre Stimme war rau, kaum mehr als ein Flüstern, doch jedes Wort war ein Dolchstoß.
Marc trat einen Schritt näher, das Rascheln seines teuren Anzugs klang wie ein Versprechen und eine Warnung zugleich. „Ich denke, wir müssen reden. Du kannst mir nicht ewig ausweichen.“
Sie ballte die Hände zu Fäusten, spürte die Haut an den Fingern zerspringen. Der schmale Gang zu dem alten Wandsekretär, hinter dem sie die wichtigste Akte versteckt hatte, lag unzugänglich zwischen ihnen. Sie musste ihn fernhalten. Um jeden Preis.
„Lass mich gehen, Marc. Du hast keinen Grund, hier zu sein.“
Sein Lächeln war bittersüß, als gäbe es kein Entkommen aus einem Spiel, das längst begonnen hatte. „Doch, Emilia. Ich habe einen sehr guten Grund. Und ich weiß, was du vor uns verborgen hast.“
Ihre Augen weiteten sich, ein kalter Schauer raste durch ihre Wirbelsäule. „Was meinst du? Was weißt du?“
Marc zog eine dünne Mappe aus der Innentasche seines Jacketts und ließ sie mit einem leisen Klacken auf den Tisch gleiten. „Das hier. Erinnerst du dich an die alte Hausakte, die du nie jemandem zeigen wolltest?“
„Das sind nur staubige Dokumente.“ Emilias Stimme vibrierte kaum hörbar, doch ihre Finger pressten sich krampfhaft an die Tischkante.
Er beugte sich leicht vor, seine Augen funkelten gefährlich. „Sie sind mehr als das. Sie enthalten Hinweise auf deine Familie. Auf deine Vergangenheit. Auf das, was du zu verbergen versuchst.“
Ein dumpfer Schmerz griff nach ihr, verhakt sich wie eine Klaue in ihrem Innersten. Diese Akte... hier lag ein Teil dessen, was sie für immer vor der Welt verbergen wollte – vor ihm, vor allen.
„Du solltest wissen, dass ich nicht vorhabe, diese Wahrheit stillzuhalten. Der Moment kommt, Emilia. Ich werde alles ans Licht bringen.“
Ihr Herz zog sich zusammen, eisige Trauer mischte sich mit flammendem Zorn. Sie fühlte, wie ihr das Versprechen, das sie einst gegeben hatte, schwer auf den Schultern lastete, als wäre es aus Blei.
„Wirst du meine Familie zerstören? Für deine Machtspiele?“ Ihre Stimme brach beinahe.
Marc schüttelte den Kopf, aber seine Augen glänzten düster. „Ich will dich nicht zerstören. Ich will dich kontrollieren. Und dafür brauche ich dein Geheimnis.“
Ein bitterer Geschmack stieg in ihre Kehle. Sie dachte an die Nächte voller Angst, an die stummen Tränen, die niemand je gesehen hatte.
„Was wirst du tun, wenn ich dir nichts gebe?“ Sie spürte, wie Panik davonrannte, doch ein Funken Widerstand loderte in ihr auf.
Er grinst, wie ein Raubtier, das seine Beute fest im Blick hat. „Dann werde ich dich brechen. Und wenn du fällst – dann fällt alles, was dir lieb ist.“
Ein plötzlicher Knall hallte von der Eingangstür wider – aufgerissen von heftigen Schlägen.
„Emilia! Bist du hier?“, rief eine Stimme aus dem Flur, gehetzt, aber entschlossen.
Marc erstarrte. Sein Blick zuckte zum Türrahmen, dann zurück zu ihr.
Eine Entscheidung blitzte in Emilias Augen auf. Ihr Herz raste. Wie viel würde sie opfern, um ihr Geheimnis zu schützen?
Der nächste Moment wurde von einem scharfen Rascheln und einem hastigen Atemzug zerfetzt.
Die Tür flog auf.
Und dort stand...