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Chapter 13

Verlorene Erinnerungen

Kapitel 13 Verlorene Erinnerungen

Die Luft in Emilias Wohnung schmeckte nach Rauch und kaltem Metall. Ihr Herz klopfte so heftig, dass es in ihren Ohren rauschte, während sie gegen die Kälte in sich ankämpfte. Der Schatten, der eben vorbeigezogen war, ließ ein Ziehen in ihrer Brust zurück – ein kaltes, nagendes Etwas, das sich wie ein klaffender Riss anfühlte.

Sie sank auf den Boden, die Hände fest um den Oberschenkel gekrallt, als sei das der einzige Halt in dieser zersplitterten Realität. Was hatte sie gerade gesehen? War es wirklich er gewesen? Marc Vogel – oder nur ein Trugbild, ein Gespenst aus ihrer eigenen Angst?

Die trockene Stille ihres Apartments schien zu ihr zu sprechen. Ein Flüstern, das an die Oberfläche ihrer Erinnerung drängte. Bilder – bruchstückhaft, fast ausgelöscht. Ein Lachen. Eine Geste. Ein Blick, den sie längst vergraben hatte.

„Was soll ich glauben, wenn sogar meine Erinnerungen trügen?“ Die Frage verkroch sich tief in ihrem Innersten, während etwas in ihr zu zerbrechen drohte.

Am Morgen danach. Das blasse Licht der Stadt sickerte durch die halb geöffneten Jalousien und sammelte sich auf den verstreuten Papieren und Fotos, die auf dem Boden lagen. Emilia hielt einen vergilbten Umschlag in der Hand, dessen Inhalt sie lange ignoriert hatte.

Mit zitternden Fingern öffnete sie ihn. Der Duft von altem Papier stieg ihr in die Nase, vermischt mit einem kaum merklichen Schleier von Parfum. Ein Foto glitt aus dem Umschlag – unscharf, verwschwommen, doch etwas daran liess ihre Brust zusammenziehen.

Das Bild zeigte Marc Vogel – aber anders. Ohne die eisige Härte in den Augen, ohne die arrogante Maske. Ein Moment eingefangen, in dem seine Miene beinahe zärtlich wirkte. Der Hintergrund: ein sonnendurchfluteter Garten, weit entfernt von den kalten, glitzernden Hallen der High Society.

Emilia hob das Foto näher ans Fensterlicht. Sie spürte, wie ihr Atem stockte. „Wann war das?“ flüsterte sie sich selbst zu. Ein Teil von ihr wehrte sich dagegen, diesen Moment zuzulassen. Doch die Neugier nagte lauter als die Angst.

Sie griff nach weiteren vergilbten Notizen, handgeschrieben, in einer eiligen, doch eleganten Schrift. Die Worte waren zerrissen, verworren, doch ein Satz sprang hervor:

„…ich habe Angst, dass die Wahrheit uns zerstört, aber ohne sie sind wir verloren.“

Die Schrift wirkte vertraut, zu vertraut. Emilia atmete tief ein und setzte sich zurück auf den harten Holzboden. Erinnerungen rangen nach Raum, formten sich plötzliche Bilder vor ihrem inneren Auge.

Sie sah Marc nicht mehr nur als den bedrohlichen Mann, der sie verfolgt hatte. Sondern als jemanden, der zerrissen war. Gefangen zwischen Dunkelheit und Licht.

Ein leises Klirren ließ sie zusammenzucken. Ihre Hand tastete nach der Kante ihres Glases, um den Rest ihres starken schwarzen Kaffees zu greifen. Die Flüssigkeit brannte in ihrem Hals, doch sie trank weiter, als würde ihr Körper das Gift brauchen, um wach zu bleiben.

Plötzlich erklang ihr Handy. Das Display zeigte nur „Unbekannt“. Mit zitternder Hand nahm sie den Anruf an. Eine Stimme, rau und knapp, durchbrach die Stille.

„Nicht alles, was du glaubst, ist die Wahrheit, Emilia. Manche Erinnerungen wurden zu deinem Schutz verändert.“ Dann ein Rascheln – und eine letzte Worte: „Siehst du das Bild an der Wand? Dort liegt der Schlüssel.“

Die Verbindung war abrupt beendet. Emilia starrte auf das kleine schwarze Gerät, das plötzlich so fremd in ihrer Hand lag.

Vorsichtig erhob sie sich und ging zum Wohnzimmer. Immer wieder überlegte sie, ob das alles eine Falle sein könnte. Aber eine bleierne Entschlossenheit hatte sich in ihr festgesetzt.

An der Wand hing ein Bild, das sie nie wirklich beachtet hatte – ein altes Portrait, das ihr Großvater ihr vermacht hatte. Es zeigte eine Frau mit traurigen Augen und einer verblassten, doch vertrauten Kette um den Hals.

Emilia trat näher, ihre Finger glitten über den Rahmen, bis sie die Kette ertastete. Ein verborgener Mechanismus? Sie drückte auf eine kleine, fast unsichtbare Lasche. Ein winziger Schub öffnete sich am Rahmen – und eine kleine Notiz kam zum Vorschein.

„Wenn du das liest, dann weißt du, dass ich dir vertraue. Du musst finden, was verborgen ist – und dann wird sich alles erzählen.“

Emilia spürte, wie sich der Raum drehte. Ihre Welt wankte auf den Grundfesten ihrer Erinnerungen. Wem konnte sie noch glauben? Was war Tatsache, und was Illusion?

Die Kette, das Bild, die Notizen – vorsichtig legte sie alles zusammen, doch ein klares Bild ergab sich nicht. Die Dunkelheit in ihr verstärkte sich, doch gleichzeitig schimmerte ein erster Funken Hoffnung.

Das Versprechen, das sie einst gab, schien nun nicht nur eine Bürde, sondern der einzige Anker zu sein.

Doch dann, als sie die Kette aus dem Versteck nahm und im schwachen Licht wiegte, flüsterte es ihr zu:

„Du weißt zu viel – aber weißt du auch die ganze Wahrheit?“

Und bevor sie antworten konnte, vibrierte ihr Handy erneut. Eine neue Nachricht erschien:

„Was sollst du glauben, wenn sogar deine Erinnerungen trügen?“

Die Worte blendeten auf dem Display in kaltem, unbarmherzigem Weiß.

Emilia starrte darauf. Ein kalter Schauer kroch ihren Rücken hoch.

Was soll sie glauben, wenn sogar ihre Erinnerungen trügen?