Chapter 9
Kapitel 9 Ein Blick hinter die Kulissen
Der schwarze Schleier in Noras Kopf löste sich langsam auf, als kalte Luft ihre Lungenfüllte durchdrang wie ein Rasiermesser. Um sie herum war nichts als dumpfe Stille, unterbrochen vom leisen Tropfen irgendwo in der Dunkelheit. Ihre Knie gaben nach, und sie sank auf den eisigen Betonboden. Ein stechender Schmerz bohrte sich durch ihre Schläfen – ein Echo des Energiestrahlers, der ihr Gehirn getroffen hatte, als Lilians Stimme sich im Rücken noch zu einem gefährlichen Flüstern geformt hatte.
Nora schlug die Augen auf. Um sie herum schimmerte ein labyrinthisches Geflecht aus Metall und blauen LED-Leuchtstreifen, die in kontinuierlichem Pulsieren atmeten. Sie lag in einem scheinbar endlosen Korridor, tief unter der Megacity, verborgen vor den neugierigen Blicken und der lärmenden Welt darüber. Der Geruch von Ozon und verbranntem Kunststoff kroch in ihre Nase. Drähte wanderten von den Decken herab wie mechanische Schlangen, während der feuchte Beton unter ihren Fingerspitzen körnig kühl fühlte.
Ein dumpfer Klang hallte durch den Tunnel – Metall gegen Metall. Nora richtete sich langsam auf und tastete die Tasche ihrer Jacke ab. Ihr Thermalgerät war noch da, jedoch mit einer dünnen Schicht Staub bedeckt, als hätte es niemand seit Monaten benutzt. Ihre Brust hob und senkte sich im unregelmäßigen Rhythmus. Mindestens einen Gedanken musste sie sofort fassen: Wo war sie hier gelandet – und wie kam sie da raus?
Politisch und mit jedem Atemzug spürte Nora, wie eine unsichtbare Präsenz durch die Luft sickerte. Hier, in dieser Verflochtenheit aus Stahl und Schatten, war etwas größer, dunkler als jede Zeitschleife, der sie bisher begegnet war. Einen Schritt von ihr entfernt entdeckte sie einen langen Gang, flankiert von verschlossenen Türelementen aus gehärtetem Glas, hinter denen sich gespenstische Schatten bewegten.
Sie stand langsam auf, ließ den Blick über die Wände gleiten. Auf einigen Türausschnitten prangten kryptische Symbole – verschlungene Dreiecke, Uhrenzeiger, die in unmöglichen Winkeln verharrten. Ihre Finger glitten vorsichtig über die glatte Oberfläche eines der Fenster. Dahinter sah sie leise pulsierende Maschinen, mechanische Apparaturen, die wie organische Wesen zu atmen schienen.
Plötzlich vibrierte ihr Kommunikationsimplantat im Ohr, ein kaum hörbares Surren, das sich in ihr Bewusstsein bohrte. Ihr Fingernagel strich über das Display an ihrem Handgelenk – eine Nachricht. Keine Worte, nur ein einzelnes Bild: Dr. Magnus Elias, sein Gesicht nur lose erkennbar unter dem Licht seiner eigenen Laborlampe, seine Augen schossen mit mechanischer Kälte, während er eine handgroße, scheinbar flüssige Kugel zwischen zwei Fingern balancierte. Zeit.
Nora fröstelte, die nackte Wahrheit krallte sich in ihre Muskeln. Elias hatte hier nicht nur Experimente durchgeführt. Er hatte ein ganzes Arsenal aus Zeittheorien, Leben und Frequenzen geboren – und sie steckten mitten drin.
Als wäre er über ihre Gedanken gestolpert, hörte sie plötzlich das Knarren von Stahlschuhen gegen den Beton. Ein Schatten löste sich aus einer Seitengasse, zog eine schwarze, glänzende Waffe, die in der trüben Beleuchtung wie ein kalter Stern funkelte.
„Sie sollten nicht hier sein“, sagte eine Stimme, tief, mechanisch verzerrt, während der Schatten näher trat. Der Mann, dessen Augen im Halbschatten blitzten, kniete sich neben eine Konsole und öffnete ein holografisches Interface.
„Dr. Elias selbst wartet unten“, flüsterte er, „die Zeit ist kein Spiel. Aber Sie... Sie könnten die Antwort sein.“
Nora wippte auf den Fußballen, bereit zur Flucht, doch eine seltsame Neugier lähmte sie. Sie wollte wissen, was wirklich hinter Elias’ Laborkulissen lauerte. Was war das große Ziel, das ihn trieb? War es wirklich nur die Kontrolle? Oder ging es um mehr – um die Grenze zwischen Mensch, Maschine und Zeitflut selbst?
Vor dem Gang öffnete sich ein massives Tor, dessen Hydraulik ein langgezogenes Fauchen ausstieß. Dahinter ragte eine Kammer empor, größer als alles, was Nora je gesehen hatte, ein kathedralenartiger Raum aus Stahl und Licht, durchzogen von goldglühenden Datenbändern, die in der Luft zu schweben schienen.
Mit einem Kaltschauer realisierte sie: Das war nicht nur ein Labor. Das war ein Herz der Zeit – eine Maschine, die das Schicksal der Zukunft neu schrieb.
Und irgendwo am Ende dieses Korridors – stand der Mann, der sie zu seiner Spielfigur gemacht hatte.
Das letzte Leuchten eines Displays flackerte. Die Tür schloss sich mit einem satten Ratsch.
Die Frage stand wie ein Dolch in der Luft: Was will Magnus Elias wirklich mit der Zeit anstellen?