NoveliqaEndlosschleife der Wahrheit / Vertraute Gesichter, neue Rollen :0%
Log in

Chapter 6

Vertraute Gesichter, neue Rollen

Kapitel 6 – Vertraute Gesichter, neue Rollen

Der stechende Geruch verbrannten Metalls kroch in Noras Nase, mischte sich mit dem beißenden Geschmack von Ozon auf ihrer Zunge. Ein heißes Flirren lag in der Luft, als wollte die Zeit selbst unter dem Gewicht des Knalls zerbersten. Ihre Knie gaben nach, die Hände gruben sich ins kalte Pflaster, während ihr Herz wie wild gegen die Rippen pochte. Der Nachhall von Splittern und verzerrten Geräuschen hing wie ein giftiger Nebel in ihrem Kopf.

Nora wagte kaum zu atmen.

Starr vor Anspannung tasteten ihre Finger die Umgebung ab. Kein Zweifel: Sie war noch hier – aber die Welt fühlte sich zerfetzt an, so brüchig wie dünnes Glas, das jeden Moment zerspringen könnte. Ein Sprung in den Abgrund der Zeit. Ein funkelnder Riss, der jede Logik zerdrückte.

Langsam richtete sie sich auf, spürte das Dröhnen in ihrem Schädel, als wäre jemand mit dem Hammer darauf eingeschlagen. Große Teile ihres Bewusstseins schienen wie zerspannte Bildfragmente umherzuschweben, als wollte die Realität sie korrigieren, zurückziehen in die Schlinge der Schleife. Doch Nora war entschlossen, nicht noch einmal denselben Fehler zu begehen.

Im Schatten der Neonröhren funkelte ein bekanntes Gesicht auf.

„Jana?“

Die Silhouette neben einem zerbeulten Hydranten wirkte unscharf, als wäre sie selbst Auslöser der Instabilität. Die Rauchschwaden züngelten nach ihrem Auftauchen, während Janas Augen blitzten – kalt, viel zu kalt.

„Du siehst aus, als hättest du den Schleifenknall persönlich erlebt“, flüsterte Jana mit einem dünnen Lächeln, das nicht zu ihren sonst warmen Zügen passte.

Noras Magen drehte sich zusammen. Dieses Lächeln – es war wie das verzerrte Spiegelbild von Vertrauen, zerfressen von einem Geheimnis, das in den Schatten wuchs.

„Was machst du hier?“

„Ich... habe nach dir gesucht“, antwortete Jana, doch in ihrer Stimme lag ein unbequemer Nachhall, wie ein Fragment, das nicht passte. Ihre Hände vergruben sich in den Taschen. „Die Zeit… sie spielt heute nicht fair, oder?“

Nora spürte, wie sich ihr Instinkt zusammenzog, ein kalter Stich. „Warum sollte ich dir trauen?“

Jana wich einen Schritt zurück, die Augen blitzten flüchtig. „Ich weiß, es sieht gerade alles sehr verdächtig aus. Aber irgendwo zwischen den Schleifen verlieren wir uns selbst. Du musst mir glauben.“

Ein feines Zittern ließ die Neonlichter in Janas Haar tanzen. Doch Nora sah, wie ihre falsche Sicherheit bröckelte wie eine dünne, gealterte Fassade. Wer hatte das Gesicht von Vertrautheit getragen – und sich inzwischen in den Feind verwandelt?

Ein dumpfer Ton ließ beide zusammenzucken. Nora drehte sich ruckartig um. Hinter ihnen, in der engen Gasse, bewegten sich Schatten. Eine Gestalt tauchte auf, gehüllt in eine schwarze, glänzende Jacke, das Gesicht nur schwer zu erkennen im Halbdunkel.

„Wir sind nicht allein“, keuchte Nora.

Janas Finger krallten sich in die Ärmel ihres Mantels. „Das ist nicht der richtige Moment für Zweifel.“ Ihre Stimme verlor den letzten Hauch von Wärme und wurde messerscharf, schneidend.

„Dann sag mir, Jana – was spielst du wirklich?“

Ein Pendeln zwischen Warnung und Verzweiflung spiegelte sich in ihren Augen. „Manchmal muss man mit dem Feind tanzen, um die Wahrheit zu nehmen, die Zeit zu überlisten.“

Noras Atem stockte. Dieses Spiel, von dem Jana sprach, war tödlich. Es war eine Wette mit der Vergänglichkeit selbst, aus der niemand heil hervorging.

Die dunkle Gestalt trat einen Schritt näher.

„Du solltest wissen, dass Dr. Elias auch nicht schläft“, flüsterte Jana, „er hat uns alle im Visier. Sogar dich.“

Der unheimliche Besucher hob die Hände, als wollte er die Spannung entladen. „Wir sind hier nicht, um dir weh zu tun. Sondern um dir eine Wahl zu geben.“

Noras Puls raste. Wahl? In einer Welt, in der jede Entscheidung eine Schleife füttert? Eine Falle, sorgfältig konstruiert aus Täuschung und Zerfall?

„Was für eine Wahl?“, fragte sie, die Stimme fast leer vom Erschöpfungsschleier.

„Die Wahrheit. Deine Wahrheit“, antwortete der Fremde schlicht.

Janas Blick verfinsterte sich. „Jetzt zerfällt unser Team schon von innen, Nora. Wem kannst du noch trauen, wenn das eigene Blut teuflische Schatten wirft?“

Das Echo ihrer Worte schlug auf Noras Seele ein. Ein frostiger Hauch glitt ihre Wirbelsäule hinab.

Sie war gefangen in einem Spiel, das keine Regeln kannte. Zwischen Vertrauten, die zu Feinden wurden, und Feinden, die plötzlich Verbündete wirkten.

Ihr Herz schrie nach einem Anker, nach etwas, das festhielt – doch die Dunkelheit hatte alles verschlungen.

Ein letzter Blick in Janas kalte Augen, dann ein Funken Zweifel, der wie Gift wuchs.

Nora schluckte schwer.

Wem konnte sie noch trauen?

Wenn selbst ihr eigenes Team ihr fremd geworden war.