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Chapter 4

Die verlorene Erinnerung

Kapitel 4: Die verlorene Erinnerung

Der kalte Wind schnitt sich wie ein Messer durch Noras dünnen Mantel, als sie hastig die Straße entlang hastete. Ihre Beine fühlten sich schwer an, als hätten sie die Last der ganzen Stadt zu tragen. Der metallische Nachhall des Einschlags, die erstickte Stimme, die verstummte – jede Erinnerung brannte sich in ihrem Gehirn fest wie glühende Kohlen.

„Das darf nicht sein“, flüsterte sie, während ihre Finger zitterten und die neonbeleuchteten Fassaden verschwammen. Die Zeit – sie hatte erneut getürmt, doch diesmal war es anders. Der Klang lag tiefer, unauslöschlich, als hätte die Stadt selbst ein Geheimnis verraten. Nora wusste, dass sie selbst das Geheimnis war.

Der Geruch verbrannten Metalls mischte sich mit dem süßlichen Aroma von Jasminduft, der aus einem geöffneten Fenster quoll. Wie ein Kontrast zu der düsteren Szenerie wirkte die Welt um sie herum surreal, entrückt. Ihre Schritte hallten gedämpft auf dem nassen Asphalt, ein einsames Echo in der labyrinthartigen Gasse.

„Nora…“, hauchte eine Stimme, kaum mehr als ein Windhauch, und sie drehte sich scharf um. Keine Gestalt in Sicht. Nur flüchtige Schatten, die hinter scheibenbeschlagenen Fenstern verschwanden. Ihr Herz schlug furchtlos, aber ein eisiger Schauer kroch langsam ihre Wirbelsäule hinauf.

Sie wollte diese Stimme nicht zuordnen, doch sie kannte sie, als wäre sie in ihr verwurzelt.

Plötzlich durchzuckte sie ein Bild: Sie stand auf einem Balkon, hoch über der Stadt, die Neonlichter flammten im Regen. Neben ihr ein Mann, dessen Gesicht von düsterem Halbschatten verdeckt war. Seine Stimme, tief und bestimmend, hallte in ihr wider: „Manche Erinnerungen sind nicht für dich bestimmt, Nora. Doch sie werden dich finden.“

Noras Augen weiteten sich. Sie erinnerte sich nicht daran, hier gewesen zu sein. Es war kein Traum – zu lebhaft, zu gefroren in der Zeit. Und doch fühlte sich dieses Bild an wie ein Stück ihrer Seele, das zerbrach und sich gleichzeitig zusammenfügte. Ein Fragment aus einer Geschichte, die niemals geschrieben worden sein durfte.

Sie vergrub das Gesicht in den Händen, ihre Fingernägel gruben sich in die Haut. Die vertraute Panik kroch wieder in ihr auf, diesmal begleitet von einem seltsamen Frieren. Woher kam diese Erinnerung? Warum fühlte sie diese Augenblicke, die niemals passiert sein konnten?

Ein schriller Ton riss sie aus dem kurzen Moment der Schwäche. Das vibrierende Signal ihres Datenpads. Nora griff hastig danach und las die Nachricht:

»Zeitriss erkannt. Dr. Elias steht am Ziel. Vigilanz erforderlich.«

Die Zeilen pulsierten auf dem holografischen Display wie eine pulsierende Warnung. Magnus Elias. Sein Name war wie ein düsterer Schatten, der hinter jeder Ecke lauerte – unaufhaltsam, unbarmherzig.

„Vigilanz“, murmelte Nora bitter. Vigilanz bedeutete Kontrolle. Kontrolle bedeutete Ketten. Und das war genau das, was Magnus suchte – die totale Gefangenschaft der Zeit.

Das Blut raste ihr durch die Adern, als die letzten Puzzleteile in ihrem Kopf umhersprangen.

Sie musste zurück. Zurück in die Zeit, in den Augenblick, den sie nicht kannte, aber zu kennen glaubte. Wenn diese verlorene Erinnerung ein Schlüssel war, dann musste sie den richtigen Schlossmechanismus finden – bevor es zu spät war.

Wieder ertönte die Stimme, jetzt lauter, eindringlicher:

„Manche Erinnerungen sind nicht für dich bestimmt, Nora.“

Ein Kampf begann in ihr, zwischen Zweifel und Wahrheit, zwischen Angst und Bedürfnis. Die Neonlichter flackerten, als die Stadt den Atem anhielt. Ein Sog riss sie hinein – tiefer in die Schleife, tiefer in die vergessene Zeit.

Unwillkürlich griff sie nach ihrer Pulszeit-Uhr am Handgelenk. Die Zeiger drehten sich rückwärts, schneller und schneller, bis die Welt um sie verschwamm.

Und dann war da nur noch eine Frage, die durch ihr Innerstes hallte:

Warum fühlte sie eine Erinnerung, die niemals passiert sein kann?