Chapter 16
Kapitel 16 Ein unheilvoller Verbündeter
Das dumpfe Pochen in Noras Schläfen klang nicht nach Regen, doch der Himmel weinte langsam seine gläsernen Tropfen in die Straßen der Megacity. Neonstreifen spiegelten sich zerfetzt in Pfützen; Rauchschwaden krochen wie spitze Finger aus den Ritzen der Mauern, als hätte die Stadt selbst Fieber.
Nora hockte am Rand einer bröckelnden Betonmauer, die Hände um die Knie geschlungen. Ihr Herz raste. Der Klang, der im gleichen Atemzug mit der letzten Wartezeit zerriss, hallte in ihrem Kopf wider. Diese Stimme. So fremd und doch... irgendwie vertraut. So kalt, als schneide sie in glasige Spiegel ihres innersten Zweifels.
„Dann wird dein Kampf die letzte Schlacht sein.“
Die Worte klebten an ihrer Haut, hinterließen einen bitteren Nachgeschmack wie Metall in der Kehle.
Nebelschwaden krochen vom Boden hoch, und die Zeit schien in diesem Moment verschleiert, unsicher. Die Uhr im Kopf schlug rückwärts und vorwärts zugleich, als wäre jedes Geräusch doppelt – ein Echo aus Zukunft und Vergangenheit, in sich verheddert.
Ein kalter Wind strich durch die Gassen, trug den fahlen Geruch verbrannten Synthfleisches mit sich. Nora atmete tief, doch der Kloß in ihrer Kehle blieb.
„Verdammt,“ murmelte sie, die Stimme zum Flüstern gezwungen. „Was haben sie hier nur angestellt...“
Sie rieb sich die Arme, wappnete sich gegen die beginnende Kälte. Ihr Blick huschte suchend durch die schummrigen Schatten, fast gebannt von den leuchtenden flackernden Hologrammen, die mitten in der Nacht Kunden anlockten, als wäre der Rausch nie zu Ende.
Plötzlich vibrierte ihr Datenimplantat am Handgelenk. Die Namen waren immer vertraut: unbekannte Nummern, verschlüsselte Anrufe, automatisierte Nachrichten. Doch dieses Mal blinkte ein vertrautes Profil auf.
Lukas.
Ihr Herz stutzte. Lukas — ihr Kollege, ihr vielleicht einziger Verbündeter in diesem unergründlichen Spiel mit der Zeit.
Nora strich sich eine nasse Strähne aus dem Gesicht, ihre Fingerspitzen bebten leicht.
„Lukas?“, flüsterte sie, während ihre Finger über den Bildschirm fuhren, die Verbindung annahm.
„Nora,“ seine Stimme war knapp, getrieben von einer Dringlichkeit, die ihr kalt über den Rücken lief. „Wir müssen reden. Ich... ich glaube, jemand beobachtet uns. Und nicht nur das—“
Sie hörte ein Raunen, ein Knistern, als würde der Raum um ihn herum auseinanderbrechen. Dann:
„Du gehst der Wahrheit zu nahe.“
Sein Atem riss, der Klang schnappte wie ein dunkler Vorbote.
„Was meinst du? Wer?“
„Es... es ist komplizierter. Ich kann es dir nicht am Gerät sagen. Treffen wir uns in der Bar ,Der letzte Stopp‘. Jetzt.“
Das Signal brach abrupt ab.
Nora stand auf, die Kälte kroch tiefer in ihre Knochen. „Warum diese Geheimniskrämerei?“ fragte sie sich, ihre Stimme kaum mehr als ein Krächzen. Doch etwas in ihrem Inneren warnte sie.
Die Straßen waren menschenleer, bis auf ein paar Gestalten, die wie schattenhafte Figuren in und aus der Dunkelheit huschten. Unmerklich folgte ihr das Gefühl, beobachtet zu werden.
Sie spürte das Gewicht der Zeit auf ihren Schultern, spürte, wie eben diese knisterte, als wäre jedes Sekundenglied der Kette brüchig.
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Die Bar „Der letzte Stopp“ war ein schäbiger Laden in einem Viertel, das den Fortschritt schon vor Jahren aufgegeben hatte.
Niedrige Decken, Neonreklamen, die flackerten - und ein Geruch zwischen abgestandenem Bier und verrostetem Metall. Ein Ort, an dem sich die verlorenen Seelen der Stadt trafen, jene, die nirgendwo anders mehr hinpassten.
Nora trat ein, ihr Blick suchte Lukas zwischen den Tischen. Er saß in der hintersten Ecke, halb im Schatten verborgen, die Augen funkelten unruhig.
Sein Gesicht wirkte blasser, die üblichen Streifen Schweiß und Staub in seinen Haaren deuteten auf schlaflose Nächte hin.
„Lukas,“ begann sie, die Stimme gedämpft. „Was ist passiert? Wer beobachtet uns?“
Er drehte sich zu ihr, die Stimme kaum mehr als ein Raunen: „Du kennst Dr. Elias besser, als du zugibst. Er hat mehr als nur die Stadt im Griff...“
Sein Blick wanderte zur Eingangstür, die sich unmerklich einen Spalt öffnete. Ein Schatten glitt hinein.
„Und er hat Helfer, Nora. Manche näher, als wir glauben.“
Ein kalter Schauer rollte über ihren Rücken. „Du meinst jemanden hier? Aus unserem Umfeld?“
Er nickte kurz, die Finger trommelten nervös auf den Tisch.
„Ich weiß, dass du mir mittlerweile kaum noch traust“, sagte er leise, „aber ich... ich will dir helfen. Wirklich.“
Nora biss sich auf die Lippe, die alten Wunden zogen sich krampfhaft zusammen. Verrat, Lügen... zu viele Male schon.
„Zeig mir, was du weißt“, sagte sie schließlich.
Lukas griff in seine Jacke, zog ein holographisches Datenpad hervor. Ein Klick, und ein Strom von Bildern und Zeitstempeln flutete die Luft zwischen ihnen.
„Das hier sind Überwachungsprotokolle aus der temporalen Sondereinheit. Sie zeigen Bewegungen, Ein- und Ausgänge in Zusammenhang mit den Zeitschleifen. Sie sollen von uns niemand erfahren.“
Nora lehnte sich vor, die Finger zuckten unruhig am Rand ihres Tanks, als sich eine Silhouette im Bild abzeichnete.
„Jemand, der weiß, wie man Zeitmanipulationen verdeckt.“
Ihre Augen weiteten sich.
„Und? Wer ist es?“
„Das...“ Lukas zögerte, sein Atem stockte. „Das bist du nicht. Es ist jemand anderes. Jemand, der uns alle überwacht.“
Der Name kam später — ein vertrauter Name, der in Noras Welt noch niemals auf der Liste der Verdächtigen stand.
„Melina“, murmelte er.
Noras Puls raste. Melina — die Analystin, ihre engste Verbündete im Team, die Freundin, deren Lächeln so echt wirkte, wie die Sonne hinter kaputtem Glas.
„Melina?“ Nora schüttelte den Kopf. „Das kann nicht sein.“
„Ich wollte es nicht glauben. Aber die Daten lügen nicht“, flüsterte Lukas.
Ein Moment lang herrschte Stille, nur unterbrochen von den gedämpften Stimmen der Bar und dem fernen Ruf eines fahrenden Transportschiffs.
Nora spürte, wie ein Netz aus Misstrauen und Angst sich um ihr Herz legte, kalte Klingen aus Zweifeln schnitten in ihre Gedanken.
Hatte sie sich getäuscht? War jemand aus ihren Reihen ein Verräter? Oder war Melina das Opfer einer Manipulation, genau wie sie selbst?
„Das ändert alles...“, hauchte sie.
Doch bevor Lukas antworten konnte, bebte die Glastür erneut — lautlos, doch bestimmend.
Beide blickten auf.
Im Schatten des Eingangs stand eine Gestalt, die selbst im schummrigen Licht der Bar wie eine Anklage wirkte.
Langsam hob die Gestalt den Kopf.
Und Nora erkannte das Gesicht, das ihr bis dahin nur in ihren Albträumen erschienen war.
„Bist du Freund oder Feind?“
Die Frage blieb im Raum stehen.
Ein Atemzug.
Dann eine Stimme, so sanft und schneidend wie ein Skalpell:
„Das entscheidet sich erst jetzt.“
Draußen draußen schlug die Zeit erneut unbarmherzig zu.
– Ende Kapitel 16 –