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Chapter 15

Risse in der Zeit

Kapitel 15 – Risse in der Zeit

Nora taumelte, als hätte sie den Halt in sich selbst verloren. Die Welt vor ihr schien sich zu dehnen, zu reißen, als wäre der Stoff der Realität von feinen Fäden durchzogen, die kurz davor waren zu zersplittern. Ihr Atem kam schwer, flach, als ob jede ihrer Lungenflügel gegen einen erstickenden Druck kämpfen würde, der von innen her wuchs. Für einen winzigen Moment – zu kurz, um sicher zu sein, ob es wirklich war oder nur eine Einbildung – hörte sie das Flüstern von zerbrechendem Glas, kombiniert mit einem kratzenden Geräusch, das wie näselnder Metallrost klang.

Die neonbeleuchteten Fassaden der umliegenden Hochhäuser glitten in ein seltsames, unstetes Flimmern. Ein Lichtstrahl sprang kreischend zwischen den Schatten hin und her, bevor er sich in einen dünnen Riss im Himmel verwandelte.

„Was zum…“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein gepresster Hauch, während sie sich hektisch umdrehte. Um sie herum stiegen Irrlichter auf, von denen sie wusste, dass sie nicht mehr die Folge eines technischen Defekts waren. Dies hier waren Risse – temporale Anomalien, deren Erscheinen immer katastrophale Folgen bedeutete.

Letzte Woche hatte man noch über sie getuschelt wie über urbane Legenden. Heute fühlte es sich an, als wäre sie mitten in ihrem Albtraum gefangen.

Ihre Finger zitterten so sehr, dass sie kaum ihr Datenpad halten konnte. Die holografische Karte, die ihr vertrautes Bild der Stadt zeigte, zerbrach. Linien zerfransten, Orte – einmal klar definiert – verschoben sich in einer nicht zu fassenden Irritation der Zeit.

„Das ist schlecht, viel schlechter...“ murmelte Nora, die knappe Worte selten fürchtete, doch diesmal schien die Bedrohung Worte zu zerschneiden.

Ein Schatten glitt an der Ecke vorbei. Es war kein gewöhnlicher Passant. Die Silhouette verzerrte sich filigran, als ob sie von einem schwachen Wind gezeichnet wurde, der kaum spürbar war. Doch da war kein Wind. Nur diese tödliche Stille, die alles in der Stadt plötzlich erstickte.

Noras Herz schlug in aufbrausendem Rhythmus. „Wenn diese Risse sich ausbreiten, bleibt hier bald nichts mehr, das wir ‘Realität’ nennen könnten.“

Ihr Blick fuhr zur fahlen Street-Info: „Risse in der Zeit. Makrophänomen entdeckt. Betroffene Sektoren: Innenstadt, Westen, Nexus E-12. Sofortige Evakuierung empfohlen.“

„Evakuierung?“ Ihr Ton war scharf – als jagte sie die eigenen Worte förmlich durch die Luft. „Kein einziger Behördensprecher kann das durchsetzen. Die Leute verhalten sich, als hätten sie nichts zu verlieren. Niemand will glauben, dass Zeit selbst sich gegen uns wendet.“

Ein stechender Schmerz schnürte ihr die Brust zu – das Echo jener endlosen Loops, aus denen sie sich mühsam befreit hatte. Und jetzt wankte die Zeit, als wolle sie brav ihren Meister bestrafen.

„Ich muss zu dem Ort... an dem alles begann.“

Ohne ein weiteres Zögern drückte sie auf den Aktivierungsknopf ihrer Stiefel. Ein scharfer Blitz fuhr ihr durch die Beine, und ihre Sinne wirbelten in rasender Geschwindigkeit, als die Transporttechnologie sie über die zerklüftete Stadt hinwegtrug.

Während die Skyline in grellen Farben an ihren Augen vorbeirauschte, spürte Nora, wie die Realität um sie herum wimmerte – zitternd, gebrochen wie Glas, das nie ganz zusammengefügt werden konnte. Jeder Atemzug brachte das Gefühl mit sich, das Gleichgewicht zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zerfranse gerade in diesem Moment.

„Magnus hat es provoziert“, flüsterte sie auf halbem Weg zwischen den alten Industriekomplexen und den vergessenen Untergrundtunneln.

Die Erinnerung an den Forschenden und Manipulator ließ ihren Magen sich zusammenziehen. Dr. Magnus Elias – ein Mann, der glaubte, die Zeit sei nichts weiter als eine zu kontrollierende Ressource. Ein Gefängnis, das er fertig modellieren wollte, um das Schicksal der Menschheit zu lenken. Doch wie alle, die das Unvermeidliche beugen wollen, hatte er dabei eine gefährliche Wahrheit übersehen: Kein Netz aus Macht hält, wenn der Zeitstoff reißt.

Noras Landung war hart. Der Asphalt unter ihren Füßen zersplitterte in winzige Kristalle, als hätte er die Spannung der Stadt selbst aufgesaugt und wollte sie nun freisetzen.

Vor ihr riss ein gigantischer Spalt in der Luft klaffend auf. Seine Kanten waren kaum greifbar, ein Flirren aus schimmerndem Blau und giftigem Schwarz zugleich. Ein Blick hineingeworfen und plötzlich wurde die Umgebung verzerrt – vorbei in Sekunden, in die Zukunft oder eine Parallelwelt. Ein kurzer Schrei, eine Frau, die irgendwo in der Ferne um Hilfe rief. Ein Kind, das auf einem verfallenen Spielplatz verschwand und zurückkehrte, als hätte es schon gealtert.

„Ich kann das nicht ignorieren“, sagte Nora mit bebender Stimme. Sie hockte sich nahe an den Rand des Risses, das kalte Gras kratzte an ihren Knien. „Wenn ich auch nur eine Chance habe, meine eigenen Schleifen zu durchbrechen, dann hier.“

Ein leises Summen wurde lauter, eine Vibration, die sich wie ein Ekel in der Luft winden ließ. Etwas regte sich unter ihr – kleine Risse in der Realität beschleunigten sich, wurden zu züngelnden Fingern, die nach ihr griffen.

Plötzlich flackerte die Neonbeleuchtung über ihnen. Im Sekundentakt setzte eine Art Gedankenwelle ein: Erinnerungen, die brüchig waren, Gefühle, die vermischt, Stimmen, die sich in ihrer Nähe verlustig gingen. Eine Stimme, dunkel und kalt, schnitt durch den Nebel:

„Du kannst der Wahrheit nicht entkommen, Nora.“

Sie fuhr herum. Kein Mensch weit und breit. Doch die Worte… sie trugen das Gewicht eines Versprechens und einer Drohung zugleich.

„Wer bist du? Was willst du?“

Stille.

Nur das Flackern und die wachsenden Risse antworteten. Ein Wind aus Zeitfragmenten wehte durch die leeren Straßen – Soldaten aus vergangener Ära, Schatten, die nie gelebt hatten, und Zukunftsbilder von Verzweiflung und Chaos. Alle zugleich und doch niemand wirklich hier.

Noras Puls jagte, ein wildes Rennen gegen den Zerfall der Welt.

Dann brach es los.

Ein tiefer, grollender Klang, durchdringend wie Donner, hob sich im Westen. Die Risse öffneten sich wie klaffende Wunden, und aus ihnen schossen energiereiche Splitter, die die Stadt mit Nähten aus reiner Zeitpep hervorwoben – sie kreuzten sich, schnürten Wege ab, rissen Menschen und Maschinen aus der Realität heraus.

Nora sprang zurück, der Boden vor ihr platzte. Ein Bruchstück eines Straßenpfostens barst entzwei, schoss wie ein Geschoss auf sie zu.

Instinktiv sprang sie zur Seite. Das Metall zerbarst einen Meter neben ihr und bohrte sich in eine Mauer, die in einem nervösen Flimmern auseinanderfiel. In der Luft stand der Geruch von ozonbeladener Elektrizität, vermischt mit dem resignierten Duft von verbranntem Plastik.

Ihre Gedanken waren plötzlich klar wie nie zuvor: Die Risse waren keine bloßen Anomalien mehr. Sie waren ein Angriff – auf die fundamentalen Säulen der Welt, auf das Gefüge der Zeit selbst.

Nur eines war nun sicher:

Wie gefährlich diese Risse für alle Bewohner werden würden, lag nicht mehr in den Händen der Zeit… sondern in denen, die sie zu kontrollieren suchten – und vielleicht in Nora selbst.

Ein letztes Zittern durchfuhr die Luft um sie herum, als ein weiterer Riss dicht neben ihr aufbrannte.

Sie hörte wieder das Flüstern.

Diesmal nicht aus der Ferne.

Direkt neben ihr, so nah, dass es ihre Haut kräuselte:

„Die Zeit ist dein Gefängnis, und deine Freiheit ein Trugbild. Lieber Nora – wie lange glaubst du, hältst du dem Druck stand?“

Ihre Hand legte sich auf eine vertraute Narbe an ihrem Unterarm – die Marke ihrer eigenen zerbrochenen Schleifen, ihres innersten Antriebs.

Sie atmete tief ein. Der Spalt vor ihr zog sich zusammen, als hätte auch er den Moment der Entscheidung gespürt.

„Solange ich atme,“ sagte sie mit eisiger Entschlossenheit, „Wird die Wahrheit ans Licht kommen.“

Doch tief in der Stadt, im Schatten der Neonlichter, erhob sich eine Stimme, kalt und unendlich alt:

„Dann wird dein Kampf die letzte Schlacht sein.“

Und mit einem gellenden Knall riss die Zeit weiter auf.

– Ende Kapitel 15 –