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Chapter 2

Das Erwachen der Schattenklan

Kapitel 2 Das Erwachen der Schattenklan

Der Schmerz kroch wie kaltes Feuer durch Kaelans gebrochene Rippen, als er schwer atmend gegen die nasse Wand lehnte. Der Sturm draußen wütete weiter – ein spottender Chor aus Wind und Regen, der seine zerfetzten Kleider zerrte und die Dunkelheit mit zerstückelten Blitzen durchbohrte. Jeder Herzschlag war eine Folter, als wolle sein verfluchter Körper die bittere Wahrheit in noch greifbarere Qual übersetzen.

Seine Hand fuhr hastig an die Wunde an seiner Seite, spürte das feuchte Ziehen durch zerfetzte Haut und geplatzte Adern. Doch der Schmerz war nicht das Drängendste. Da war etwas anderes, eine eisige Umklammerung, die tiefer schnitt als jede Wunde. Etwas, das ihn kalt und dennoch unerbittlich zu sich rief.

Ein flüsterndes Wispern schlich aus den Schatten. Kaelan riss den Kopf hoch, seine Augen suchten durch das Dunkel der verlassenen Scheune – das einzige Versteck in dieser zerfetzten Nacht. Die Flammen der nahen Fackel warfen schattenhafte Umrisse auf die alte Holzwand, flackernd und tanzend, als würden sie das, was hinten stand, verbrennen wollen. Doch da war niemand.

Dann – ein leises Knistern, als würde Papier über Holz gleiten. Kaelans Puls beschleunigte sich, jede Faser seines Körpers spannte sich an. „Wer ist da?“, krächzte er, seine Stimme heiser und rau, kaum mehr als ein Hauch im tosenden Wind.

Aus der Dunkelheit trat eine Silhouette. Ein Mann, gehüllt in einen langen, rabenschwarzen Mantel, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, wobei nur glühende Augen zu erkennen waren. Schweigend – fast schon bedrohlich ruhig – kam er näher und ließ eine lederne Mappe vorsichtig auf den staubigen Boden gleiten.

Kaelan erstarrte. Instinktiv verengten sich seine Augen. „Was willst du?“

Der Fremde hob kaum merklich die Hand, ein Finger deutete auf die Mappe. Ohne ein Wort zu sagen, zog er eine Schriftrolle heraus, die in geheimnisvolles, purpurrotes Licht getaucht zu sein schien, obwohl keine sichtbare Lichtquelle sie berührte. In der Luft schwebte ein schwacher, süßlicher Duft – eine Mischung aus verbrannten Kräutern und kaltem Metall.

Kaelan zögerte, dann griff er nach der Schriftrolle. Die Haut unter seinen Fingern erhitzte sich sofort unangenehm, als würde der Inhalt lebendig werden. Er entrollte das Pergament langsam, und sofort flackerten Symbole vor seinen Augen auf – uralte Zeichen, deren Macht sich kaum in Worten fassen ließ.

Was er lesen konnte, war eine Warnung. Eine Prophezeiung.

„Die Schattenklan erhebt sich,“ las er mit zitternder Stimme, „sie suchen die Essenz der Ewigen Klinge, um den Tod auszulöschen und die Welt in ewige Dunkelheit zu tauchen.“

Kaelan biss sich auf die Lippe. Die Schattenklan – von denen hatte er nur in den dunkelsten Legenden gehört. Eine geheime Sekte, von alten Stimmen gefürchtet, die nur im Flüstern des Windes und im Schatten der Nacht existiert. Es hieß, sie sammelten uraltes Wissen und magische Artefakte, um das endgültige Monopol über die Unsterblichkeit zu errichten.

„Warum interessieren sie sich ausgerechnet für mich?“, murmelte Kaelan und fuhr sich durch die verschwitzten Haare. Sein Blick wanderte zu dem Mann – doch der Unbekannte antwortete nicht. Stattdessen senkte er langsam die Kapuze, und das schwache Licht enthüllte ein Gesicht, das Kaelan nur allzu gut kannte.

Das kalte Lächeln von Lord Malrik Voss.

„Du bist also der Verfluchte, von dem alle sprechen“, sagte Malrik mit einer Stimme, die so glatt und tödlich wie geschliffenes Glas war.

Kaelan spürte, wie sich sein Magen verkrampfte. „Was willst du von mir?“

Ein eisiger Windstoß zog durch die Scheune. Malriks Augen blitzten auf, als er einen Schritt nach vorne machte. „Das, was du bist, ist kein Zufall, Kaelan. Du bist ein Schlüssel. Der letzte Puzzlestück in einem Spiel, das größer ist, als du dir vorstellen kannst. Die Schattenklan braucht dich, damit wir die Ewige Klinge vervollständigen – die einzige Kraft, die uns wahrhaft unsterblich machen kann.“

Ein bitterer Geschmack stieg Kaelan in den Mund, als er sich abwandte. Ein Teil von ihm wollte die Worte einfach abschütteln – als verrücktes Gerede eines machthungrigen Lords. Aber seine instinktive Angst, die brennende Frage ohne Antwort pochte in seinem Innern.

„Ich werde niemals Teil von eurer finsteren Sekte sein“, zischte er.

Malrik lachte leise, ein Geräusch voller Verachtung und Triumph zugleich. „Das magst du jetzt glauben. Aber bald wirst du erkennen, dass du keine Wahl hast.“

Noch bevor Kaelan antworten konnte, öffnete sich die Scheunentür mit einem Knall. Nasse, kalte Nebelschwaden krochen herein, setzte sich auf den Boden und züngelten um ihre Füße. Ein zweiter Schatten trat hervor – schlank, mit einer Narbe, die sich quer über das blasse Gesicht zog.

„Wir sollten gehen, Lord Voss“, sagte die Gestalt mit einer Stimme, die selbst im kalten Wind einen Hauch von Bedrohung barg.

Malrik samt seinen eisigen Augen drehte den Kopf zum Neuankömmling. „Geduld, Alyas. Die Zeit für unseren Plan ist gekommen.” Sein Blick glitt zurück zu Kaelan. „Du bist unser Ziel – und das Erwachen der Schattenklan hat erst begonnen. Wir werden dich finden, wo immer du dich versteckst.“

Dann, ohne ein weiteres Wort, lösten sich die beiden Schatten in der Dunkelheit auf.

Kaelan stand reglos da. Das Flackern der Fackel zeichnete unruhige Muster an den Wänden, während die Worte aus der Schriftrolle in seinem Kopf widerhallten:

Er ist der Schlüssel. Er ist die Ewige Klinge.

Plötzlich spürte er eine Bewegung an seinem Fuß. Er blickte nach unten und entdeckte etwas, das zuvor übersehen hatte. Ein kleines Medaillon, aus dunklem Metall gefertigt, mit einem eingravierten Symbol, das einer verschlungenen Klinge glich. Kaelan hob es auf – und ein kalter Strom schoss durch seine Adern wie ein Funke, der ein längst vergessenes Feuer entzündete.

Warum suchte die Schattenklan gerade ihn heim? Und welche Bürde lag in ihrer finsteren Bestimmung?

Die Stille der Nacht brach in einem durchdringenden Knall, als ein Schatten hinter der Scheune sich ruckartig bewegte.

Kaelans Hand umschloss die Klinge an seinem Gürtel, Herz raste – bereit, sich dem Tod erneut entgegenzustellen.

Doch diesmal wusste er: Die Schatten waren nicht nur im Dunkeln – sie waren in ihm.

Das Erwachen hatte begonnen.