Chapter 15
Kapitel 15: Verloren in der Hauptstadt Eryndor
Das dumpfe Pochen in Kaelans Brust war nicht nur Herzschlag — es war das unheilvolle Echo eines Kampfes, der keine Ruhe ließ. Der Geruch von Rauch und verbranntem Fleisch hing wie eine unsichtbare Decke über den zerklüfteten Dächern der Hauptstadt Eryndor.
Seine Hände zitterten, als er sich gegen eine kalte Mauer lehnte, aus der ein spröder, steinerner Atem stieg. Der Schatten darin schien sich zu bewegen — doch das war nur sein Geist, der ihm einen Streich spielte. Der Fluch in seinem Blut fühlte sich an wie brodelnde Lava, die jeden vernünftigen Gedanken erstickte. Seine Augen, geschärft und doch von Schmerz getrübt, durchbohrten die Nacht.
Kaelan atmete tief ein. Der kalte, feuchte Wind strich ihm um den Hals, und der Geschmack von Asche begann sich auf seiner Zunge niederzulassen. Hier draußen gab es keine Verbündeten mehr. Jeder Stein, jede Gasse konnte eine Falle sein.
„Verräter.“ Das Wort hallte wie ein Dolchstoß in seinem Kopf nach, wilder und tiefer als jede Wunde seiner Haut.
Er hob die Hand, wischte sich Blut vom Mund. Sein Blick streifte die andere Seite der Straße. Menschen hasteten vorbei, ihre Stimmen schwankten zwischen Routine und Furcht – aber niemand sah ihn wirklich. Nicht wie er war. Nicht als Gejagter, der im Schatten tanzt, dessen Herz ein wildes Tier fängt.
Die Straßen waren ein Labyrinth aus Kopfsteinpflaster und engen Durchgängen. Über ihm reckten sich Balkone mit hängenden Laternen, deren Licht kaum die Schwärze durchbrach. Kaelan wusste, dass die Wächter von Malrik Voss inzwischen jede Fährte suchten, jeden Riss ausloten würden. Seine Zeit war knapp.
„Nur nicht auffallen“, flüsterte er sich selbst zu, die Stimme brüchig und rau. Jeder Ton fühlte sich an wie eine Vorahnung, dass scharfe Ohren ihm lauschen.
Er bewegte sich weiter, schleppte die Füße schwer voran. Seine Stiefel hinterließen kaum Geräusche auf dem unebenen Pflaster. Jeder Atemzug fühlte sich an, als würde er durch Eis atmen – schmerzhaft, zäh. Doch die Kälte war ihm egal. Es war die Angst, die ihn fror.
Plötzlich riss ein leises Rascheln ihn aus der Dunkelheit. Kaelan erstarrte. Die Augen suchten die Schatten, die sich um ihn legten wie scharfe Klauen. Sein Herz schrie, doch seine Muskeln blieben ruhig — eine tödliche Ruhe.
Vor ihm lag ein schmaler Durchgang, übersät mit verwitterten Pflastersteinen. Er konnte von hier nach Osten entkommen, zu den verwinkelten Gassen der Händlerquartiere, wo der Lärm mehr und die Blicke weniger waren.
Dann, aus dem Nichts, vernahm er ein Knacken.
„Wer da?“ Seine Stimme war ein flüsternder Schatten, doch sie durchbrach die Stille wie ein Messer.
Aus dem Dunkel löste sich eine Gestalt.
Kaelans Körper spannte sich an, ein Ruck ging durch seine Glieder. Die Figur blieb stehen, schien ihn zu mustern — ein Augenblick, gespickt mit Feuer und Gefahr.
„Kaelan Draven.“ Die Stimme war weich, aber scharf. „Du trägst das Gewicht eines dunklen Pfades. Doch du bist nicht allein.“
Sein Herz stolperte. Kannte er diese Stimme? War es eine Falle? Ein trügerisches Angebot?
„Zeig dich!“ Kaelan trat aus dem Schatten, die Hand am Griff seiner Klinge. Seine Augen blitzten, bereit, jeden Angriff zu erwidern.
Doch die Figur trat näher ins schwache Laternenlicht.
Ein Gesicht, unbekannt und doch seltsam vertraut, tauchte auf. Ein schmaler Mund, der ein schiefes Lächeln umspielte. Die Augen blitzten mit einer Mischung aus Neugier und Geheimnis.
„Ich beobachte dich schon länger, Kaelan.“ Die Stimme war jetzt kaum mehr als ein Hauch. „Malrik Voss hat mehr Hände, als du ahnst. Aber auch mehr Feinde.“
Erst jetzt spürte Kaelan, wie die Schwere auf seinen Schultern wog. Es gab keine Zuflucht, nur einen tieferen Sumpf aus Intrigen und Verrat.
„Wer bist du?“
Ein Schatten glitt über das Gesicht des Fremden. „Ein Freund. Oder vielleicht dein letzter Verbündeter.“
Plötzlich bebten die Luft und gingen schwere Schritte durch die Gasse.
Kaelan wirbelte herum, die Freiheit verschwand. Zurück blieben nur Fragen, jedes eine Klinge.
Und aus den Schatten der Stadt, unsichtbar und doch bösartig wachsam —
„Wer beobachtet ihn?“
Das Klacken von Absätzen auf steinernen Stegen schlug wie ein schauriger Herzschlag, der sich mit dem Sein vermischte.
Kaelans Zeiger auf der Uhr des Schicksals hatten sich gedreht. Jetzt gab es kein Zurück mehr.