Chapter 5
Kapitel 5
Das verbotene Artefakt
Das plötzliche Dunkel über der Suite schnürte Vincent die Luft ab. Nur das dumpfe Pochen seines Herzens war im Stillen zu hören, das Klacken des Stromausfalls verwandelte die vermeintliche Sicherheit in klares Bedrohungspulver.
Seine Fingerspitzen tasteten hektisch die Oberfläche des Tisches ab, auf der noch vor wenigen Sekunden die holographischen Daten schwebten – Daten über ein Artefakt, das seine Welt erschüttern konnte. Ein technologisches Juwel, längst verboten, verschollen im Netz aus Lügen und Machtspielen.
Eine Erinnerung schnitt scharf durch den dichten Raum: jener verstaubte Keller in der alten Fabrik am Rand der Stadt, die kalte Feuchtigkeit in der Luft, das kaum hörbare Summen einer Maschine, die ihre Existenz verbarg. Dort war dieses Artefakt entstanden – oder besser gesagt: dorthin war es zuletzt gesehen worden.
„Vincent!“, flüsterte eine Stimme, kaum mehr als ein gehetztes Kratzen. Sie kam von Lena, seiner neuen Verbündeten, die aus dem Schatten hinter dem Sofa hervortrat. Ihr Atem ging schwer, die Augen suchten panisch nach einer möglichen Bedrohung.
Er drehte sich langsam zu ihr um. „Was weißt du?“ Seine Stimme war rau, ein Kratzer aus Stahl im lauen Dunkel.
Sie schluckte. „Es gibt Gerüchte, dass Voss... er hat den Schlüsselkopf des Artefakts bereits. Ein kleines, unscheinbares Stück, das die komplette Kontrolle über die Technologie ermöglicht. Wenn er die ganze Waffe in der Hand hat, Vincent... das wäre das Ende für dich.“
Vincent zog eine Augenbraue hoch, während er einen tiefen Zug aus seiner verborgenen Flasche nahm – ein Ritual, das ihm half, klarer zu sehen in diesem Chaos der Intrigen. „Schlüsselkopf?“
Lena nickte, die Lippen mechanisch zusammengepresst, während sich ihre Hände nervös im Stoff ihrer Jacke verhakten. „Es geht nicht nur um Macht – das Artefakt kann die digitale Infrastruktur der ganzen Stadt lahmlegen. Es ist nicht bloß eine Waffe, es ist ein Ungetüm aus Bits und Blut.“
Ein leises, metallisches Zhang ließ Vincent erstarren. Direkt neben dem Türrahmen blitzte eine schwarze Pistole auf, gehalten von einem Mann, den er als einen von Voss’ Schergen erkannte.
„Voss schickt Grüße“, murmelte die Stimme des Schützen, ein dünner Mann mit funkelnden Augen, die im Schein der Straßenlaterne hinter der Tür glühten. „Das Artefakt soll nicht mehr lange verloren bleiben.“
Vincent reagierte blitzschnell, senkte sich tief, griff in die Jeans nach seinem Messer. Ein Kampf entbrannte, roher und schneller als erwartet. Lena riss sich los, wirbelte herum und schlug dem zweiten Angreifer die Waffe aus der Hand. Metall schlug auf Beton, Funken sprühten auf.
Mit einem beherzten Tritt stieß Vincent den Schützen gegen die Wand, spürte die knackenden Rippen unter seinem Stiefel. Der Schütze röchelte, ließ die Waffe fallen. Noch bevor Vincent sich umdrehen konnte, klirrte Glas, als Lena einige Computerstücke vom Tisch holte und sie wie ein Schutzwall zwischen sie und weitere Angreifer stellte.
Das Gefühl von Gefahr kroch langsam unter seine Haut. „Wir müssen herausfinden, wo dieses Ding ist“, sagte Vincent, seine Stimme eiserner als die Kälte um sie herum. „Wenn Voss den Schlüsselkopf hat, sind wir auf der Verliererseite. Sofort.“
Lena nickte, während sie hastig auf ihr Gerät tippte, das trotz der Dunkelheit noch leise summte. Einzelne Datenfragmente, die sie in den letzten Tagen gesammelt hatte, wurden zusammengefügt. Ziffern, Symbole, ungeordnete Koordinaten – das Puzzle ein Haifischmaul aus Information.
„Das Artefakt ist nicht hier“, murmelte sie. „Es wurde in drei Teile zerlegt und an verschiedene Orte gebracht. Der ‘Schlüsselkopf’ – wo genau der ist, wissen wir nicht. Aber davon gibt es eben nur ein Exemplar. Und jemand hält ihn fest.“
Vincent ließ das Messer in die Tasche zurückgleiten. Sein Blick fixierte die schwachen Abrisse einer Karte, die auf dem Bildschirm ihrer Laserpointer tanzten.
„Erstens,“ begann Vincent, „müssen wir uns zurückziehen. Es gibt zu viele Verräter in den eigenen Reihen.“
Lena sah ihn an – ein Hauch von Zweifel und Sorge lag in ihren Augen. „Du weißt, was das bedeutet, Vincent. Wenn wir zu lange warten, kann Voss seine Jagd starten. Und dann...“
„Dann nehme ich das Risiko in Kauf“, unterbrach Vincent. „Ich werde nicht länger im Schatten leben, nur um von Vossen und seinen Söldnern zerfetzt zu werden. Zeit ist ein Luxus, den wir nicht haben.“
Plötzlich vibrierte Vincents Gürtel, ein diskretes Signal, das nur er bemerkte – eine Nachricht, verschlüsselt und klar: „Schlüsselkopf in Bewegung. Gestern Nacht im Hafen gesichtet.“
Die Dämmerung dämmerte auf dem Bildschirm ihres Geräts, gefolgt von einer simplen, aber fatalen Frage: Wer hatte dieses Artefakt zuerst in die Hände bekommen?
Ein Geräusch an der Tür ließ sie hochfahren.
Vincent beugte sich vor, die Schatten um ihn herum verdichteten sich, als sich die alte Tür langsam öffnete, ein bekannter, finsterer Umriss im kalten Flackern der Neonlichter.
„Du wirst es nicht glauben, Vincent“, hauchte die Stimme, „wer das Artefakt jetzt hat...“
Und bevor er den Satz beenden konnte, schlug die Tür zu – so abrupt und endgültig, dass nur das Echo ihrer Schritte im Flur zurückblieb.