Chapter 17
Kapitel 17 – Das Flüstern der Unterwelt
Das Klicken hallte durch den klammen Raum. Vincent spürte den kalten Stahl eines Messers, das sich messerscharf in seinen Nacken presste. Der Druck war kaum mehr als ein Hauch, und doch schnürte es ihm die Luft ab. Der Geruch von Öl und schalem Rauch mischte sich mit dem süßlichen Metallgeschmack in seinem Mund.
„Nicht bewegen,“ flüsterte eine Stimme, rau und schwer von Zwielicht und alten Schuldnern. Das Messer vibrierte leicht, transportierte jede winzige Muskelanspannung. Vincent spürte, wie sein Herzschlag lauter und unregelmäßiger wurde.
Langsam drehte er den Kopf, die Augen nur um einen Spalt geöffnet. Im schummrigen Halbdunkel zeichnete sich die Silhouette eines Fremden ab, maskiert und in Leder gehüllt. Kein Zweifel – dieser Mann wusste, wie man in Vincents Welt Angst verschickt.
„Wer... bist du?“ Vincent zwang seine Stimme zu einem rauen Ton, den er auch auf die Probe stellte.
Keine Antwort. Nur das leise Kratzen von Stiefeln auf Beton, als der Mann einen Schritt zurücktrat und sich in den Schatten verlor.
Ein kurzer Moment der Stille. Vincent stockte der Atem, dann bewegte er sich langsam, ohne hastige Bewegungen, das Messer blieb ein drohendes Versprechen an seinem Hals.
Er stützte sich gegen die rohe Backsteinwand, ließ die kühle Oberfläche durch seine Fingerspitzen kriechen. Der Raum war verlassen, beleuchtet nur von flackerndem Neonlicht, das durch die schmutzigen Fensterfugen sickerte. Die Luft war dick von Feuchtigkeit und dem dumpfen Summen weit entfernter Generatoren.
Seine Sinne rasten. Dieses Treffen, wen auch immer der Mann darstellen sollte, war keine Zufälligkeit. Hier war mehr im Spiel, als nur ein Mordversuch. Ein Spielzug in diesem tödlichen Schachspiel um Macht, das längst nicht vorbei war.
Im Flur draußen hallten entfernte Stimmen – zu gedämpft, um sie eindeutig zu verstehen, aber präsent genug, um zu wissen, dass er nicht allein war.
Vincent griff in seine Jackentasche. Dort lag ein zerknittertes Stück Papier, übergeben von einem Informanten aus den Schatten von Kreuzberg. Kurz bevor er niedergeschlagen wurde.
„Das Artefakt...“ stand darauf, in hastigen, unsicheren Buchstaben eingeritzt.
Das Raunen, das durch die Unterwelt der Stadt ging, wurde lauter. Das Objekt, von dem man nur in Legenden sprach, soll einen Funken Technologie enthalten, so mächtig, dass es Regierungen stürzen und Imperien neu schmieden konnte.
Vincent spürte das Gewicht der Worte. Dieses Artefakt… Wenn es wirklich existierte, hätten Adrian Voss und seine Lakaien es längst gesucht. Oder schlimmer: Schon gefunden. Ein solcher Schatz konnte ihn endgültig vernichten – oder ihm die Krone zurückgeben, die ihm geraubt worden war.
Er wählte schließlich den scharfen Blick in den Spiegel des zerbrochenen Fensters. Sein Gesicht – hart wie geschnittenes Granit. Die Wut war kein wildes Lodern mehr, sondern ein kaltes Feuer, das tief in ihm brannte.
Ein abruptes Geräusch ließ ihn zu Boden schnellen. Noch vor dem Aufprall fühlte er, wie jemand ihn am Arm packte – kräftig, ohne Rücksicht.
„Vincent! Verdammt, du musst hier weg!“ Die Stimme gehörte zu Mara, seine engste Vertraute, Blitzschlag inmitten einer Welt aus Dunkelheit.
„Was zum Teufel ist passiert?“ Seine Stirn war verschwitzt, obwohl die Luft kalt war.
„Gerüchte. Das Artefakt… Jeder spricht davon. Voss hat einen Zugangscode geknackt. Unsere Spione melden Bewegungen tief unter dem Industriehafen. Dort, wo niemand freiwillig hingeht.“ Mara zog ihn mit sich, die Eile in ihren Bewegungen so scharf wie das Messer, das ihn fast getötet hatte.
„Hast du Beweise?“ Vincent biss die Nägel an seiner Fingerkuppe durch, Adrenalin schickte elektrische Impulse durch seine Adern.
„Noch nicht. Nur... Schatten. Flüstern in den Straßen.“ Sie schritt voran, schneller als seine Gedanken. „Aber wenn Voss das Artefakt hat, wird sich alles verändern. Nicht nur für uns.“
Sie tauchten in die labyrinthartigen Gassen, wo Straßenlaternen wie verottende Kerzen tropften und hinter jeder Ecke die Gefahr lauerte. Ihre Schritte vermischten sich mit dem entfernten Heulen von Sirenen und dem Knirschen von zerbrochenem Glas.
„Die Unterwelt ist nicht mehr das, was sie war,“ murmelte Vincent, während sie sich durch das Dickicht aus Neon und Schmierfinken kämpften. „Jeder spielt sein eigenes Spiel. Und der Einsatz wird höher als je zuvor.“
Mara blickte ihn forsch an. „Bist du bereit, zurückzukämpfen? Für das, was dir genommen wurde?“
Vincent erwiderte ihren Blick, seine Augen funkelten im spärlichen Licht. „Ich werde nicht nur zurückkämpfen. Ich werde die Schatten selbst beherrschen. Denn nur im Dunkel zeigt sich die wahre Macht.“
Draußen formte sich ein Nebel, der wie verflüssigte Nacht die Konturen des Hafens verschluckte. Dort im Dunkeln, versteckt zwischen rostigen Containern und verfallenen Kränen, lag das Geheimnis, das alles verändern konnte.
Doch wer hatte das Artefakt in die Hände bekommen?
Mara blieb stehen. Vor ihnen eine Gruppe von Gestalten, ihre Gesichter verhüllt. Kein Zurück mehr.
Ein kaltes Lächeln legte sich auf Vincents Lippen, eisiger als der Morgentau auf dem Asphalt.
„Lasst sie kommen.“
Ein leises, fast unhörbares Signal durchbrach die Stille. Maschinen summten auf, und die Unterwelt atmete schwer vor Erwartung.
Dann, direkt über ihrer Schulter, knackte ein dunkler Kanal und eine verzerrte Stimme flüsterte:
„Wer hat die Kontrolle über das Artefakt übernommen?“
Vincent erstarrte.
Das Flüstern wurde zur schneidenden Klinge.
Das Spiel war eröffnet.