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Chapter 4

Verlorene Verbündete

Kapitel 4: Verlorene Verbündete

Das geisterhafte Blau, das Damian vor wenigen Augenblicken noch umgab, verblasste allmählich wie ein schwerer Nebel, der sich in den schäbigen Gassen von Neonstadt ausbreitete. Sein Atem kam schwer, die Lunge brannte, als hätte er versucht, einen Sturm in sich selbst zu zähmen. Seine Fingernägel gruben sich schmerzhaft in die Handflächen, ein stummer Beweis dafür, wie die Vergangenheit ihn immer noch zerkratzte.

Er stand mitten auf der Mattezzistraße, umgeben von einem Meer aus flackernden Neonreklamen, die Namen von Bars, zwielichtigen Glücksspielen und versifften Nachtclubs blinkten. Doch es war nicht das Blitzlicht, das seine Sinne angriff. Es war die Kälte, die in seinen Knochen kroch – keine niedrige Temperatur, sondern das Zittern der Angst, die Wucht des Verrats, die ihn umklammerte.

Damian zwang sich, die Augen zu öffnen und die verachtenden Gesichter der Stadt zu erfassen. Er war zurück, doch keiner der Schattenbewegten vertraute ihm mehr. Die Nachricht von seinem Fall war zur Legende geworden, zu einer warnenden Geschichte für jeden ehrlichen Unterweltler: Der König fällt, die Krone zerbricht, und die Loyalen verschwinden.

Seine erste Station sollte Rina sein — seine rechte Hand, die Seele seiner alten Crew. Aber am Lagerhaus, das einst ihr Treffpunkt gewesen war, stand nur kalter Stahl und verrostete Ketten. Der Geruch von ölgetränktem Beton und abgestandener Luft stieg ihm in die Nase, als er durch das Tor schlüpfte und leise flehend nach Zeichen suchte. Kein Echo, keine Guppenunstimmtheit, kein leises Flüstern.

„Rina“, murmelte er und der Name flaute zwischen den Mauern wie eine verlorene Melodie. Kein Licht, keine Antwort. Überall Schatten, die ihm wie flackernde Gesichter aus anderen Zeiten erschienen.

Sein Mobiltelefon vibrierte. Die Anzeige zeigte nur ein kryptisches Kürzel: “X12”. Ein kurzer Moment der Hoffnung. Vielleicht ein Zeichen, ein Verbündeter in diesem undurchdringlichen Dunkel.

Er strich sich durch die Haare, der Herzschlag schlug wild gegen seine Rippen. Jeder Schritt weg von den alten Vertrauten fühlte sich wie ein Schritt tiefer in eine Klaue aus Messerstahl an.

Zurück auf den Straßen, durch den dichten Regen aus Licht und Smog, rief Damian Namen – flüsterte sie in die feuchte Nacht, als könnten die Schatten Antworten geben. „Taro? Vela? Jasko?“

Nur Schweigen antwortete ihm, unterbrochen vom Getöse der Stadt, die sich nie schlafen legte.

Nach einer halben Stunde stach ihn ein Gefühl — nicht nur Isolation, sondern Verrat. Wer von den Enkeln seiner Herrschaft hatte längst sein eigenes Spiel begonnen? Wer spionierte für Lucian Veidt? Wer saß ihm als Schlange im Inneren?

Kurz darauf, in einem schmalen, verrauchten Diner, dessen Neonzeichen unheilvoll flackerten, saß ein alter Bekannter an einem Tisch in der Ecke. Der Raum war mit dem Geruch von kaltem Kaffee und verblasster Zigarette gefüllt. Damian zögerte, sein Herz zog sich zusammen – es war Merek, der einst beste Späher und Informant, den Damian je gekannt hatte.

Merek hob unmerklich die Augenbraue, zog langsam an seiner Zigarette, und sein Blick war hart, fast glasklar in der Dunkelheit.

„Damian.“ Seine Stimme war ein kaum hörbares Knurren, schwerer als die Luft, die darin hing.

„Ich suche Antworten. Du bist der Einzige, dem ich noch trauen kann“, sagte Damian, doch es war mehr eine Herausforderung als eine Bitte.

Merek ließ das Rauchsymbol langsam aufsteigen, musterte Damian von oben bis unten, zerfetzte ihn mit Blicken, als könnte er aus ihm herauslesen, was zerbrochen war.

„Damian... die Zeiten ändern sich. Nicht alle alten Freunde warten darauf, gerettet zu werden. Einige wollen einfach, dass du stirbst.“ Seine Finger klopften ungeduldig auf den Tisch. „Oder schlimmer: dass du sie verlierst, bevor der letzte Tropfen deines alten Blutes verschmutzt ist.“

Ein schwacher Schauder kroch Damian den Rücken hoch. „Verdammt, Merek... stell dich nicht tot.“

Merek lachte kurz, bitter, und in seinem Lachen lag die Klinge des Verrats – Ambivalenz, die wie Gift im Glas schimmerte. „Ich bin nicht tot, aber lebendig heißt heute Überleben um jeden Preis. Was hast du zu bieten?“

Die Antwort brannte auf seiner Zunge, doch bevor er sie löste, flackerte eine rote Warnung auf seinem Mobilgerät auf.

„Das ist nicht alles“, murmelte Merek schließlich und beugte sich vor. „Lucian hat seine Leute überall. Selbst hier. Du bist sicher nicht der Einzige, der von alten Schatten verfolgt wird.“

Damian spürte, wie der Schleier aus Vertrautheit und Sicherheit riss. Jeder Blick hinter die Maske hätte ihn überwältigen können — war hier Freund oder Feind? Nur die Zeit würde zeigen, wie viele Masken fallen würden.

Das Klingeln seines Telefons, ein dumpfer, drängender Ton, ließ beide Männer zusammenzucken. Damian griff hastig danach, und auf dem Bildschirm blinkte eine einzige Nachricht auf: „Wir beobachten dich. Vertraue niemandem.“

Mereks Augen verengten sich, während er sich erhob und mit einem letzten rauen Satz verschwand: „Pass auf, König. Die Krone ist schwerer als gedacht — besonders wenn sie aus gebrochenem Glas gemacht ist.“

Damian blinzelte in die Dunkelheit der Nacht hinaus. Der Regen wurde dichter, vermischte sich mit den Lichtern, die sich krochen wie Feuerwürmer in der Feuchtigkeit. Die Stadt fühlte sich heute fremder an als zuvor — wie ein Tier, das seine Zähne zeigt, bereit zu zerreißen.

Und in seinen Ohren hallte die Frage: Wer unter den Vertrauten trägt schon das Gift eines Feindes in seinem Herzen?

Das war keine Schlacht mehr – das war ein mörderisches Spiel, bei dem die Würfel zu seinen Ungunsten fielen. Sein Blick erstarrte auf die nächste im Nebel verschwimmende Gasse.

Unmerklich, beinahe wie ein dunkler Schatten neben ihm, zeigte sich eine Silhouette.

Ein leises, fast nicht wahrnehmbares Grinsen formte sich auf Damans Lippen — und gleichzeitig zog sich sein Griff um die verborgene Waffe unter seinem Mantel zusammen.

Die Jagd war eröffnet.

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Ende Kapitel 4