NoveliqaDer Blutkodex des Schattenkaisers / Neonstadts neue Herrschaft :0%
Log in

Chapter 2

Neonstadts neue Herrschaft

Kapitel 2 Neonstadts neue Herrschaft

Sein Herz schlug wie ein wilder Trommelschlag in der stillen Nacht. Damian Kruger stand auf der Regen durchnässten Dachkante, die Neonlichter von Silikonquartier spiegelten sich in den tiefliegenden Pfützen. Der Geruch von verschmortem Kabel und kaltem Metall kroch ihm in die Lunge, vermischt mit dem fernen Gestank von verbranntem Gummi – Folge eines weiteren Konflikts in den Slums unter ihm.

Doch die Stadt – seine Stadt – fühlte sich fremd an.

Vor nur einer Woche war er noch für tot erklärt worden. Nun strohmzählte er mit jedem atemlosen Schritt, das Gewicht seiner Vergangenheit auf den Schultern, wie eine eiserne Rüstung, die tief in seine Knochen schnitt.

Die Straßen unten pulsierte ein anderer Rhythmus. Vibrationen, die nicht sein Befehl waren. Seine alten Schergen, einst bereit, ihm mit blutigen Messer zu Diensten zu sein, hatten sich verteilt oder waren verschwunden. Stattdessen thronte eine neue Ordnung – unsichtbar, aber allgegenwärtig. Eine Macht, deren Namen in Flüstern geächtet wurde.

Er wandte sich ab, öffnete die dünne, lederne Jacke und ließ den kühlen Wind seine verbrannten Narben kitzeln. Die Erinnerungen an den letzten Verrat brannten wie glühende Kohlen in seinem Geist. Doch der Sog der Rache drohte, ihn zu verschlingen – er musste erst verstehen, was sich verändert hatte.

Mit festen Schritten stieg Damian in die Glut der Neonstadt hinab. Die Gassen waren Korridore aus prismatischem Licht und langen Schatten, wo jede Ecke Geheimnisse flüsterte.

„Du bist wirklich zurück“, raunte ein rauer Ton hinter ihm.

Damian wirbelte herum, die Augen blitzten hart. Ein schlanker Mann mit versengtem Gesicht und Stahlblick trat aus dem Schatten. Der Geruch von billigem Whiskey hing schwer an seiner Kleidung.

„Hast du die Narben auch echt, Victor? Oder sind das die Spuren deiner letzten Drinks?“ Damian ließ einen spöttischen Lächeln über seine Lippen huschen, doch seine Stimme war wie ein Messer.

Victor grinste hämisch. „Frag besser nicht, König. Die Straßen sind anders geworden. Lucian Veidt zieht die Fäden jetzt, und er spielt keine fairen Spiele.“

Der Name schnitt wie Glas durch die Luft. Damian spürte, wie sich ein eisiger Kloß in seiner Kehle formte. Lucian Veidt – der Mann, von dem gesagt wurde, er hätte das Schattenreich übernommen, indem er Blut und Angst wie ein Puppenspieler zog.

„Was hast du gehört?“

Victor zog die Schultern hoch, sein Gesicht wurde ernst. „Sie sagen, Veidt baut kein Imperium mehr auf. Er schafft ein Monstrum. Straßen voller Söldner, Cyborgs mit Cyberimplantaten, die jeden Widerstand zermalmen. Niemand traut sich mehr, ihn offen herauszufordern.“

Damian ballte die Hände zu Fäusten. Die Erinnerungen an seine eigene Krone, die kalten Finger des Verrats, die blutigen Nächte der Herrschaft über diese Stadt – alles war von Lucians kaltem Lächeln überschattet worden.

Ein schrilles Pfeifen schnitt durch die Luft. Damian hob den Kopf. Über den Dächern zogen Drohnen auf, ihre Leuchten kreiselten wie böse Augen im Dunkel.

„Technologie überall“, murmelte Victor. „Veidt kontrolliert nicht nur die Mafia – er hat die Netzwerke, die Datenströme, sogar das Sicherheitssystem der Polizei in der Hand.“

„Dann haben wir keine Zeit zu verlieren“, sagte Damian, seine Stimme wurde zu einem Versprechen, rau und schneidend wie Stahl.

Sie bewegten sich weiter, vorbei an zerfallenen Holzbauten und glänzenden Stahlpfeilern, deren Neonröhren flackerten – das Herzstück der Stadt, doch zugleich ihr Stolperstein. Hier regierten Gewalt und Furcht in einem tödlichen Tanz.

In einer verlassenen Kneipe, die nur von dem Neonblau eines uralten Werbeschilds erhellt wurde, blieb Damian stehen. Die Kneipentür schlug leise hinter ihnen zu, und die Stimmen verstummten fast augenblicklich.

Ein Mann, der seine Gesichtszüge halb unter einem Kapuzenpullover verbarg, blickte ihn aus misstrauischen Augen an. „Du bist also der Rückkehrer“, sagte er mit schwacher Stimme.

Damian erwiderte den Blick kalt. „Ich bin nicht zurückgekehrt, um zu reden. Ich will wissen, wie tief Veidts Netz reicht.“

Der Mann, der sich als Kaito vorstellte, nickte kaum merklich. „Die alten Clans sind gefallen. In den letzten Monaten verschwanden Dutzende von Anführern — ‚Unfälle‘, ‚plötzliche Krankheiten‘. Veidts Agenten bewegen sich unerkannt. Wenn du ihm in die Quere kommst, bist du ein Schatten auf dem Sterbebett. Er besitzt Informationen, die schon vor deiner Rückkehr gesammelt wurden.“

Plötzlich vibrierte Kaitos Ärmel. Er zog ein kleines Datengerät hervor, dessen Display blutrot aufleuchtete. „Hier. Das stammt von einem der Spione. Sie platzen in allen Ecken auf, halfen ihm, dein Reich zu übernehmen.“

Damian nahm das Gerät und betrachtete die Daten: Karten von Bezirken, Listen mit Namen – und Markierungen, die seine einstigen Verbündeten tödlich gefährden konnten.

„Veidt kennt meine Schritte“, sagte Damian leise. „Fast so, als hätte er auf meine Rückkehr gewartet.“

Kaito sah ihn eindringlich an. „Er wartet auf dich, ja. Nicht nur um dich zu vernichten. Veidt will deine Krone – und noch mehr: Er will dich in Stücke reißen und aus der Asche eine neue Herrschaft errichten. Eine Herrschaft der Angst.“

Ein leises Poltern an der Tür – die Anspannung schnitt schneidend in die Luft. Damian spürte den plötzlichen Anstieg seiner Sinne, einen Schweißfilm, der sich über seine Stirn legte. Die Tür öffnete sich einen Spalt, eine dunkle Silhouette verschmolz mit dem scharfen Neonlicht dahinter.

„Kann ich die mächtigen neuen Feinde erkennen, bevor sie mich erkennen?“, flüsterte er in sich hinein.

Gedanken wirbelten in seinem Kopf, das Gewicht seiner Verantwortung wie ein gigantischer Schatten.

Und mitten in der Stille – klopfte es an der Tür.

--- Ende Kapitel 2