Chapter 15
Kapitel 15 Der verschollene Bruder
Damian landete schwer, seine Knie knirschten unter dem Aufschlag. Sein Herz hämmerte gegen die Rippen, ein rohes Pochen, das sich nicht beruhigen wollte. Die Schatten der engen Gasse schienen sich zu wenden, träge zu atmen, während der Hauch von feuchtem Asphalt und abgestandener Luft in seine Lungen sickerte.
Das Flüstern – es hallte noch nach, eine hässliche Narbe in seinem Verstand. "Wirst du entkommen, König? Oder ist dies wirklich das Ende deiner Reise?" So vertraut und doch fremd.
Damian schloss die Augen, seine Hände ballten sich zu Fäusten. Der Stahl der Verletzung an seinem linken Oberschenkel brannte heiß, doch der Schmerz verblasste neben dem eisigen Stachel der Wahrheit, der sich in seiner Seele festgesetzt hatte.
"Zeig dich!" Seine Stimme riss die Stille entzwei, eine Mischung aus Befehl und Verzweiflung.
Aus den Schatten trat eine Gestalt. Der Dunst der Neonröhren malte ein blasses Profil an die Wand: hochgewachsen, schlank, die schwarzen Haare zurückgestrichen. Doch es war nicht die Gestalt allein, die Damian innehalten ließ. Es war das Gesicht. Vertraut und doch unmöglich, wie ein vergessenes Gemälde, das plötzlich in den Flammen auftauchte, lebendig und untot.
"Lucian..." Die einzelne Silbe wurde zur Anklage und zum Gebet zugleich.
"Nicht Lucian." Die Antwort kam weich, kalt, doch mit einem seltsamen Unterton von heimlicher Vertrautheit. "Ich bin Elias."
Damian starrte, als ob das Wort die Welt um ihn herum zerreißen könnte. Elias. Sein totgeglaubter Bruder. Der Bruder, der vor Jahren in der Unterwelt von Neonstadt verschwunden war – verschlungen vom Schatten eines Verrats, das sein Herz zersprengt und seine Seele in einsame Dunkelheit geworfen hatte.
"Du lebst?" Die Worte krochen zögernd aus seinem Mund, als hätte er Angst, sie könnten zerbrechen.
Elias lächelte, ein bitteres, schweres Lächeln, das die Kanten seiner Züge schärfte. "Ich habe gelebt. Ich habe überlebt. Und ich habe gewartet."
Ein Windzug wirbelte um die Männer, trug verfaulten Geruch von Müll und alten Geheimnissen mit sich. Damian kniff die Augen zusammen, das Neonlicht flackerte in seinen Augen, spiegelte Zweifel und Wut gleichermaßen.
"Warum? Warum hast du uns verlassen? Mich?" Seine Stimme war ein rauer Faden, der sich zwischen Verzweiflung und Zorn spannte.
Elias trat näher, seine Bewegungen flüssig wie ein Raubtier, doch sein Blick verriet die Last der Jahre. "Weil ich musste. Weil das, was du glaubtest zu wissen, nur die Hälfte der Geschichte ist. Lucian... er ist nicht ich."
Ein Stich fuhr Damian ins Herz. Die Wahrheit wog schwer auf seiner Brust – ein Geheimnis, das wie ein Dämon in der Finsternis lauerte.
"Also... wer ist Lucian wirklich?" Damian tastete nach der Waffe an seiner Hüfte, doch Elias hob eine Hand, ein stummes Zeichen zur Geduld.
"Das wirst du früh genug erfahren. Heute geht es nur um uns." Die Stimme war ein Flüstern, das in der Gasse vibrierte wie ein Versprechen oder eine Drohung.
Damian spürte, wie seine ganze Welt taumelte. Die Straßen, die Clique von Verrätern, die eisernen Fäuste der Clans – nichts schien mehr sicher.
"Vertrau mir, Bruder. Das ist erst der Anfang."
Sie standen da, zwei Schatten unter Neonlichtern, getrennt und doch unzertrennlich.
Ein dumpfes Geräusch an der anderen Ecke ließ sie scharf aufatmen – Bewegung, Verfolger, die sich nährten wie Geier.
Elias verengte die Augen. "Bereit, König?"
Damian nickte stumm, der Gewalt in seinen Adern erwachte neu, ein Funke, der flammte.
"Bereit."
Die Brüder verschwanden in der Dunkelheit, wo der kalte Griff des Verrats auf Sieg und Untergang wartete.
Doch in der Stille hinge eine Frage unausgesprochen.
Wie sollten sie sich nach so langer Zeit begegnen? Verbündet? Gegner? Oder war der Blutkodex zwischen Brüdern zerbrochen – für immer?