Chapter 10
Kapitel 10 Das Serum der Schatten
Ein scharfer Windstoß riss durch den Spalt unter der Tür, als wäre die Dunkelheit selbst am Atmen, hungrig und unheilvoll. Damian presste sich gegen den kalten Beton der Wand, das pochende Donnern seines Herzens schlug lauter als jeden Schuss, den er bisher gehört hatte. Sein Atem verlief sich in kleinen, dampfenden Wolken, vermischt mit dem süßlich-bitteren Geruch von Benzin und Verfall.
Der Kampf, der soeben noch toben sollte, hatte sich in eine klirrende Stille verwandelt. Absolute Stille, die viel bedrohlicher war als jedes Krachen von Glas oder das Knallen von Feuerwaffen.
Vor ihm lag der zerbrochene Scherbenhaufen seiner Welt. Sein Körper war ein zerfetztes Puzzle, das sich langsam zusammenfügen musste – oder endgültig zerbrach.
Seine Finger zitterten, als sie nach dem kleinen schwarzen Beutel griffen, der reglos auf dem Boden lag. Das einzige Überbleibsel von Lucians dunklem Spiel. Der Beutel öffnete sich von selbst, der Inhalt dunkel und glänzend in dem fahlen Neonlicht: ein kleines, skurril geformtes Fläschchen, randvoll mit einer mehrdimensional schimmernden Flüssigkeit, die ihm sofort den Atem raubte.
"Das Serum der Schatten…" flüsterte Damian heiser. Das Wort kroch wie eine Schlange durch seine Lungen, tränkte sein Innerstes mit einer Mischung aus Hoffnung und kaltem Entsetzen.
Seine Krankheit nagte an ihm wie ein unsichtbarer Feind, eine tickende Zeitbombe unter der Haut, die seine Kräfte schwächte und seine Erinnerungen auszublenden drohte. Der Nebel in seinem Kopf war dichter denn je, und jede Bewegung kostete ihn mehr, als er bekennen wollte.
Der Griff um das Fläschchen war schrill in seiner Hand, die Fingerkuppen brannten von der Kälte und der glitschigen Oberfläche des Inhalts. Er wusste, dass das Serum riskant war - Versuche, die er nur aus fragmentarischen Berichten kannte, hatten oft tödliche Nebenwirkungen. Keiner wusste, was die unberechenbaren Schatten seiner Wirkung in seinem Körper entfesseln könnten.
Doch die Alternative war grauenvoll: Verlust, Vergessen, der sanfte Tod einer aufkommenden Dunkelheit, die selbst den gefallenen König Damian Kruger verschlingen würde.
Er schloss die Augen, atmete tief die schwere, elektrische Luft der Neonstadt ein, die sich außerhalb dieser verlassenen Fabrikzelle zu einem unaufhörlichen Lärm verzerrte.
„Komm schon, Damian... nur ein einziger Schritt über diesen Abgrund.“
Seine Gedanken wirbelten, Bilder seines imperialen Thrones stoben wie Funken durch den Raum. Das Gesicht von Lucian Veidt, ein verzerrtes Grinsen, knackte wie zerbrechendes Eis in der Dunkelheit seines Verstands.
Ein feiner Schweißfilm rann ihm den Nacken hinab, während seine Augenlider zitterten und sich öffneten. Er sah das Fläschchen, funkelnd wie eine Falle der eigenen Verzweiflung.
„Du hast mich fallengelassen… aber ich werde nicht sterben, bevor ich dich zerstöre,“ murmelte Damian.
Die Entscheidung pulsierte in seinem Nacken und breitete sich aus wie Lavaströme. Er spürte, wie seine Finger sich krümmten, die Klinge zwischen Leben und Tod in einer kaum hörbaren Symphonie der Qual.
Das Neonlicht flackerte erneut. Der schwache, mechanische Summton einer Überwachungskamera durchbrach kurz die Stille und er wurde sich schmerzlich bewusst, dass jede Sekunde hier zu viel war.
Seine Atemzüge waren kurz, jagend, als er das Serum an seine Lippen führte. Die Haut um das Gefäß fühlte sich plötzlich wie eine glühende Glasfläche an. Er konnte nicht zurück. Nicht jetzt. Nicht wenn jede Faser seines Körpers nach der Krone schrie.
„Für das Imperium. Für deine Ehre, Kruger.“
Ein letzter Blick auf die verblassenden Schatten seiner Vergangenheit, dann kippte er den halsbrecherischen Trank.
Das Fläschchen klirrte auf den Boden. Ein kalter Schmerz schoss durch seine Venen, wie ein Eisfeuer, das sich in Sekundenbruchteilen auszubreiten begann.
Plötzlich zuckte sein Körper, ein stummer Schrei entwich seinen Lippen, als das Serum Wirkung zeigte – doch war es Erlösung oder Fluch?
Die Neonlichter draußen verschwammen zu langen, leuchtenden Streifen. Schatten schienen zu wachsen, sich zu bewegen, als hätten sie ein Eigenleben.
Damian öffnete die Augen mit einer Mischung aus Angst und Verlangen.
Sein Herz raste weiter. Ein bittersüßer Geschmack breitete sich in seinem Mund aus. Die Schatten an den Wänden begannen zu flüstern.
Und dann – ein Hauch von etwas Unheimlichem, fast Bekanntem schlich sich in seinen Geist.
Die Welt um ihn herum veränderte sich, schneller, als er fassen konnte.
War das Ende oder der Anfang?
Der Atem stockte, als von irgendwoher ein leises, kratzendes Geräusch ertönte.
Die Tür neben ihm vibrierte leicht – jemand kam.
Damian richtete sich auf, die Augen glühten schwarz wie die Tiefe der Nacht.
Das Serum hatte begonnen, seine Wirkung zu entfalten.
Doch war es sein Befreier – oder sein Untergang?