Chapter 9
Kapitel 9: Das geheime Ritual
Der dumpfe Nachhall von Valos’ Worten taumelte noch in Kaels Ohren, während um ihn herum die Dunkelheit der alten Katakomben wie eine lebendige Masse pulsierte. Sein Herz schlug so wild, dass er fast glaubte, es werde ihm aus der Brust springen.
Jeder Atemzug fühlte sich an, als sauge er kalte, feuchte Luft ein, die langsam durch eine unsichtbare Schlinge eng in seinen Lungenkreisflussschlauch gezogen wurde. Seine Fingerspitzen kribbelten heftig, ein kaum zu bändigendes Summen, als wollten sie jede Faser aus seinem Fleisch reißen. Unwillkürlich klammerte er sich mit zitternden Händen an die raue Mauer.
Valos’ Stimme – ein flüsternes Versprechen voller dunkler Macht – hatte die Schatten nicht nur um ihn herum aktiviert, sondern auch die verborgensten Ängste in seiner Brust entfesselt.
„Wir sehen uns wieder, Winter.“
Ein feines Kratzen unter seiner rechten Hand ließ ihn erstarren. Instinktiv hob er seine Finger. Zwischen den Rissen in der Wand leuchtete etwas auf: ein Relikt, kaum größer als seine Handfläche. Ein altes Siegel aus gehärtetem Blutstein, dabei eingeritzt deutliche Symbole, die ihm zugleich fremd und vertraut vorkamen.
Das Wissen, das sich in seinen Köpfenfetzen zusammenzog, wollte sich ihm aufzwingen: Das Siegel war kein Zufall.
Kael zwang sich, sich langsam in den Schatten zu bewegen, seine Schritte so leise wie der Atem einer sterbenden Brise. Mit jedem Zentimeter, den er näherkam, erhob sich ein dumpfer Geruch von verbranntem Harz und alten Pergamenten.
Er erinnerte sich an das Flüstern des Systems, dass er vor wenigen Tagen empfangen hatte – eine uralte Form von Beschwörung, die in den Tiefen der Welt vor Zeiten vergraben lag. Ein Ritual, das nur von «dem Auserwählten» vollzogen werden konnte. Und Kael spürte das Gewicht seiner eigenen Bestimmung auf seinen Schultern.
Zwischen den runenartigen Gravuren des Siegels tauchte eine Landkarte auf, die sich kräftig in seinen Gedanken formte: verborgen in einem vergessenen Tempel, tief unter den Ruinen von Elyssar, sollte das mächtige Ritual vollzogen werden.
„Ich habe keine Wahl…“ flüsterte Kael, die Stimme rau und zerrissen. „Wenn ich die Wahrheit will, muss ich das innere Labyrinth der Schatten betreten.“
Er zog den Dolch aus seiner Stiefelinnenseite. Seine Finger umfingen die Klinge, und ein elektrisierender Schmerz durchzuckte seine Hand – kein Zeichen von Verletzung, sondern das Erwachen eines uralten Bündnisses zwischen Waffe und Nutzer.
Plötzlich bebte der Boden unter ihm.
Ein kühler Windstoß schoss durch die Katakomben, trug zahllose Stimmen mit sich – uralte Beschwörer, verlorene Krieger und vergessene Götter schienen ihn in einer dunklen Hymne anzurufen.
„Hörst du uns, Kael Winter?“, hallte eine verzerrte, chorähnliche Klangwolke zwischen den verfallenen Säulen. „Das Schicksal fordert dich. Das Ritual wird die Schatten oder das Licht entzünden.“
Kael biss die Zähne zusammen. Zweifel stiegen empor wie schwarze Rauchwolken. Valos’ Einfluss war überall spürbar, in jedem Flüstern der Schatten. Doch je länger er zögerte, desto sicherer war er, dass der Feind bereits seine Pläne vorantrieb, das Ritual für seine eigenen finsteren Ziele zu missbrauchen.
Mit einem scharfkantigen Stoß kniete Kael nieder, um das Siegel genauer zu betrachten. Die Gravuren pulsierten und funkelten in einem ätherischen Blau. Seine Fingerspitzen brannten, als er das Symbol der Klinge berührte – das Zeichen seines Systems.
„Das ist es... der Schlüssel. Doch wozu?“
Eine plötzliche Explosion aus Stimmen zerfetzte den Nebel seiner Gedanken. Aus den Schatten tauchte ein Fragment von Erinnerung auf – das Bild einer Frau, ihre Augen tief wie Abgründe, die ihn wissend anstarrten, bevor sie in Dunkelheit versank.
„Mira?“
Der Name entfuhr ihm wie ein gequältes Flüstern. War sie ein Teil des Rituals? Oder eine Falle?
Sein Herz krallte sich an diesen letzten Fetzen Hoffnung, während plötzlich, aus dem Nichts, die Luft vor ihm zu vibrieren begann. Ein Kreis aus runenbesetzten Steinen erhob sich scheinbar aus dem Boden und schwebte kreisförmig um seine Füße.
Kael sprang auf, zog den Dolch mit einem entschlossenen Ruck.
„Wenn das hier eine Falle ist, gut – dann bringe ich sie zu Fall.“
Aus den Schatten trat eine schlanke Gestalt, gehüllt in ein schwarzes Gewand mit silbernen Ketten, das Gesicht halb verborgen unter einer Kapuze. Die Stimme war weich, aber schneidend wie eine Dornenranke.
„Kael Winter. Du bist gekommen“, hauchte die Gestalt und entblößte einen kalten Blick. „Das Ritual muss heute vollendet werden, egal welchen Preis es kostet.“
Kaels Finger krampften sich um die Klinge. „Wer bist du?“
Sie zog die Kapuze zurück, und für einen Moment blitzten rote Augen im schimmernden Halbdunkel auf.
„Ich bin der Wächter des uralten Paktes. Dein Schicksal ist mit diesem Ritual verbunden, ob du es willst oder nicht. Doch die Wahl liegt bei dir: Vollendung oder Vernichtung.“
Ein Windstoß ließ die Runen auf dem Boden hell aufglühen. Die Zeit schien stillzustehen, jede Sekunde dehnte sich zu einer Ewigkeit.
Kaels Blick fuhr zu dem Siegel. Dessen glühende Symbole schienen ihn direkt zu rufen, als wollten sie ihn in ein Netz aus Licht und Schatten ziehen.
Die kalte Stimme des Systems meldete sich leise in seinem Geist: „Warnung: Vollende das Ritual, erlange Macht – aber das Opfer könnte größer sein als dein Wille.“
Kael spürte, wie eine zähe Schwere in seine Knie sickerte. Der Druck, die Bedeutung dieses Moments, schien alles zu erdrücken.
Die verschworene Gestalt rückte näher, und in ihren Augen lag die Herausforderung: „Wirst du das Ritual vollenden oder verhindern, Kael Winter?“
Ein kaltes Lachen stieg in seiner Kehle auf, durchdrungen von Wut, Angst und einem besonderen Funken Hoffnung gleichzeitig.
Er hob den Dolch und spürte, wie das System in ihm pulsierte, stärker als je zuvor.
„Ich wähle mein eigenes Schicksal.“
Noch bevor die Worte verklangen, brach die Luft vor ihm auf, und ein grelles Licht explodierte aus dem Kreis der Runen.
Kaels Welt begann sich zu drehen.
Ende Kapitel 9