Chapter 8
Kapitel 8 – Versteckte Motive
Ein eisiger Hauch legte sich über Kaels Haut, noch lange nachdem das Knacken verklungen war. Sein Atem hakte sich in der Kehle, kurz davor, sich in panischem Keuchen zu verlieren. Doch sein Körper zwang ihn zur Kontrolle – das Gewicht der Dunkelheit, das sich langsam in den Eingeweiden festfraß, wollte nicht kapitulieren.
Vor ihm formte sich keine Gestalt, kein Schatten, der sich bewegte. Nur die schwache Dämmerung zwischen den verfallenen Gebäuden der verlassenen Siedlung, die sich wie ein Grab um ihn spannte. Seine Augen suchten den Horizont, tasteten die Schatten ab, als könnten sie darin Antworten finden.
„Du bist unvorsichtig, Winter“, kam eine Stimme – tief, klar, wie ein Messer, das durch die Stille schnitt.
Kael fuhr zusammen. Sein Herz schlug einen scharfen Rhythmus gegen seine Rippen. Aus dem Dunkel der Gasse trat eine Silhouette hervor: Groß, in einen dunklen Umhang gehüllt, die Kapuze tief über das Gesicht gezogen. Doch in den scharfen Linien des Kinns und der Haltung lag eine unverkennbare Autorität.
„Wer... Wer bist du?“ Kael spürte, wie seine Stimme brüchig wurde, doch er zwang sich, fest zu bleiben.
Ein schmaler Zug umspielte die Lippen des Unbekannten — ein Lächeln voller Spott und kalter Berechnung. „Lord Dareth Valos“, stellte er sich vor, als wäre das ein Titel, der allein Macht ausstrahlte. „Aber du kannst mich einfach nur Valos nennen.“
Kaels Augen weiteten sich. Der Name hatte ihm zuvor nur in düsteren Gerüchten und Flüstereien begegnet – eine Schattenfigur hinter den Kulissen, deren Griff sich langsam in die Welt hineinfräste wie giftige Ranken.
Valos trat einen Schritt näher, so dass sein Gesicht im fahlen Licht sichtbar wurde. Die Augen kalt wie geschliffenes Eis, funkelnd vor hochgradiger Kontrolle. „Du hast etwas, das ich will. Etwas Seltenes. (...) Etwas, das dich gefährlich macht.“
Kaels Instinkte schrien Alarm, doch gleichzeitig zog eine seltsame Neugier an seinem Verstand. „Was willst du von mir? Was weißt du über mich?“
Valos lehnte sich gegen den zerfallenen Mauerrest, verschränkte die Arme. „Ich kenne deinen Namen, Kael Winter. Ich kenne das System, das in dir schlummert. Und ich weiß, dass du bisher nur an der Oberfläche gekratzt hast.“
Der Klang seines Namens auf seinen Lippen zog Kael wie ein Dorn in der Brust zusammen. Wie konnte er wissen —? Sein Herz schlug so heftig, dass er die Worte kaum fassen konnte.
„Wie — wie kannst du meinen Namen kennen?“ Seine Stimme zitterte, unwillkürlich, obwohl er sich weigerte, es zu zeigen.
Valos’ Blick traf den seinen mit einer Intensität, die alle Antworten in sich trug. „Weil ich es bin, der die Fäden zieht. Jener, der die Schatten webt, in denen du dich bewegen musst. Ich beobachte dich seit dem Moment, als du dein erstes Level erreicht hast.“
Kaels Puls raste. Er spürte die Präsenz einer Macht, die größer war als alles, was er sich vorgestellt hatte. Jemand, der die Kontrolle über das System beanspruchte. Jemand, der die Wahrheit hinter seinen Kräften entblößen konnte — oder zerstören würde.
Mit einem kurzen, kaum wahrnehmbaren Lächeln drehte sich Valos um und schritt zurück in die Finsternis der Gasse. „Überlege dir gut, mit wem du dich verbündest und vor allem, wem du vertraust, Winter. Denn die Schatten sind lang, und sie verschlingen jeden, der sich in ihr Netz verheddert.“
Kael blieb zurück, das Herz schwer und die Gedanken rasend. Die Welt hatte sich in einem Moment verdunkelt, dessen Kälte bis in seine Seele kroch.
Wieso wusste Valos seinen Namen so genau? Und welche Schatten existierten wirklich in seinem eigenen Inneren?
Das Knacken hallte erneut – dieses Mal viel näher.
Und die Stimme Valos’ flüsterte noch in der Luft: „Wir sehen uns wieder, Winter.“
Ende Kapitel 8