NoveliqaAufstieg der Schattenklinge / Der erste Verrat :0%
Log in

Chapter 14

Der erste Verrat

Kapitel 14 – Der erste Verrat

Das leise Rascheln der Blätter verwandelte sich in ein Crescendo aus knirschendem Unterholz. Kaels Herz schlug gegen seine Rippen wie ein wildes Tier in der Falle. Sein Atem kam stoßweise, der kalte Nebel der Nacht kroch ihm die Haut hinauf und ließ die Härchen an seinem Nacken erzittern. Jede Sekunde schien gedehnt und doch viel zu kurz—ein tödlicher Balanceakt zwischen Furcht und Entschlossenheit.

Aus dem Schatten trat eine Gestalt hervor. Die Umrisse waren noch undeutlich, aber die Haltung, das Zögern im Schritt, verrieten Vertrautheit. Kaels Hand glitt zur Klinge, doch die Muskeln verharrten, eingekeilt zwischen Überraschung und Zweifel. „Miran?“ Kaels Stimme war ein raues Flüstern, das fast im Wind verwehte.

Miran blieb stehen, sein Gesicht lag halb im Zwielicht verborgen. Die Augen, jene einst so vertrauten, blitzten kalt und berechnend. Ohne Umschweife hob er die Hand und entsicherte ein kleines Dolchmesser, das in der Dunkelheit schimmerte.

„Du glaubst wirklich, ich bin hier, um dir zu helfen?“ Seine Stimme schmeckte bitter, scharf wie zerbrochenes Glas.

Kael wich einen Schritt zurück, die Klinge nun vollständig gezogen. „Warum? Miran, sag mir, warum...“

„Es ist nicht mehr unser Spiel, Winters. Lord Dareth will dich, und ich gebe dich preis.“

Hinter diesen Worten lag kein Zögern, keine Reue—nur der kalte, unbarmherzige Kalkül eines Schattenhändlers. Kaels Magen zog sich zusammen, als das System in seinem Geist hektisch blinkte: „Warnung. Verrat entdeckt. Lebensgefahr massiv.“ Doch trotz des Systems war der Schlag wie ein Dolchstich in seine Seele.

Miran machte einen schnellen Schritt vorwärts, die Klinge blitzte im Mondlicht, genau auf Kaels Hals gerichtet. „Komm mit, oder stirb hier und jetzt. Deine Wahl, Zauderer.“

Kaels Augen verengten sich. Dieser Verrat war nicht nur eine Täuschung—es war ein Messerstich in sein zerbrochenes Vertrauen. Sein Blick raste durch die Szenerie, suchte nach einer Flucht, nach einem Funken Hoffnung in der erdrückenden Dunkelheit.

Plötzlich rauschte ein Windstoß durch die Bäume, wirbelte Blätter hoch und trieb den Nebel vor sich her. Kael griff instinktiv in die Tasche und spürte die vertraute Kälte eines kleinen Artefakts—sein letzter Trumpf.

„Du hast mich unterschätzt, Miran.“ Seine Stimme war jetzt fest, schneidend vor Entschlossenheit.

Mit einem schnellen Satz wirbelte Kael zur Seite, duckte sich unter dem Dolch, der nur Zentimeter an seinem Hals vorbeisauste. Die Klinge schrammte an seinem Kragen entlang. Jeder Muskel spannte sich bei der Flucht durch die Schatten der Bäume.

Miran fluchte und setzte hinterher, sein Atem keuchte, getrieben von Zorn und Gier. „Du kannst nicht entkommen! Lord Dareth hat schon die Jäger auf dich angesetzt.“

Kael spürte, wie die Blätter unter seinen Stiefeln knisterten, die kühle Nachtluft brannte in seinen Lungen, während er durch die Dickichte hetzte. Sein Herz hämmerte, nicht nur vom Lauf sondern von der Erkenntnis des Verrats—einem Verrat, der seine ganze Welt zu zerreißen drohte.

Er sprang über eine Wurzel, die sich wie eine schwarze Schlange querlegte, und spürte dabei das stechende Ziehen in der rechten Wade. Ein kurzer Schmerz, der ihm die Konzentration rauben konnte, wenn er schwach wurde.

„Nicht jetzt,“ murmelte er keuchend. „Nicht, wenn ich so nah dran bin.“

Er wusste, dass er keine Hilfe mehr erwarten konnte. Der einzige Weg war vorwärts – tiefer in die Dunkelheit, tiefer in die Geheimnisse seines Systems. Je näher Lord Dareth ihm kam, desto rasender schlug die Uhr des Schicksals.

Ein Schwarm von Schatten formte sich am Horizont: Lautlose Jäger, geschickt und erbarmungslos. Kael sah ihre Augen in der Dunkelheit leuchten, einen tödlichen Kreis um ihn schließend.

Für einen Moment verlangsamte sich die Zeit, die Kälte der Nacht schnürte seine Kehle zu, und er hörte das leise, perfide Kichern in seinem Kopf—das System, das ihn testete, provozierte, lockte.

Sein Verstand ratterte. Optionen. Wahrscheinlichkeiten. Überleben.

Und dann, aus dem Augenwinkel, das raschelt erneut—aber diesmal anders. Kein Feind.

Ein Schatten stürzte sich ohne Vorwarnung zwischen Kael und die Angreifer.

„Los! Lauf!“

Die Stimme war heiser, doch voller Entschlossenheit. Kael erkannte sie instinktiv—ein unbekannter Verbündeter in dieser Nacht voller Verrat.

Er zögerte nicht. Ein Tunnelblick von purem Überlebenswillen packte ihn.

Die Klinge blitzte erneut auf. Die Nacht pulsierte, ein Tanz aus Leben und Tod.

Wie knapp konnte Kael diesem Hinterhalt entkommen? Noch eine falsche Bewegung—und alles wäre verloren.

Der Strafgericht begann.

---

(Ende Kapitel 14)