NoveliqaAufstieg der Schattenklinge / Die unerwartete Belohnung :0%
Log in

Chapter 12

Die unerwartete Belohnung

Kapitel 12 Die unerwartete Belohnung

Kael stand reglos in der Mitte des verfallenen Tempelinnenhofs, die Luft um ihn herum vibrierte noch von der Explosion aus Magie und Schatten, die den Sprung in den zweiten Dungeon eingeläutet hatte. Seine Brust hob und senkte sich schwer, jeder Atemzug ein raues Kratzen, das die Stille zerschnitt.

Das fahle Licht der düsteren, wolkenverhangenen Himmelsdecke fiel wie ein trüber Schleier auf seine verschwitzte Stirn. Seine Fingerspitzen prickelten, als zögen unsichtbare Fäden durch sie hindurch. Ein unheilvolles Summen lag unter seiner Haut, als würde etwas tief in ihm erwachen.

Kael ballte die Hände zu Fäusten, spürte die Kälte des steinernen Bodens, die scharfe Kante einer uralten Rune, die gerade davor in den Boden gegraben war. Sie leuchtete schwach; ein pulsierendes Blau, das wie ein Herzschlag in der Dunkelheit pochte.

„Was passiert mit mir?“ flüsterte Kael, seine Stimme rau und kaum mehr als ein Schatten im Wind.

Sein System, die Stimme in seinem Kopf, meldete sich sogleich, doch diesmal klang es nicht mechanisch, sondern fast lebendig:

„Neue Fähigkeit verfügbar. Aktivierung empfohlen.“

Kaels Herz sprang; selten hatte er eine so klare, unverschleierte Message erhalten. Er kannte das Risiko zu gut. Jedes Mal, wenn das System ihn lockte, verbarg sich eine Zahlung dahinter, oft dunkler, als seine Vorstellungskraft zuließ.

Aus dem Schatten am Rand des Hofs glitt ein schmaler Pfeil aus dem Gedächtnis seiner Sinne hervor. Kael drehte sich im Bruchteil einer Sekunde, sein Körper spannte sich, die Muskeln wie Stahlseile, bevor er den Pfeil mit einer geübten Drehung abwehrte. Der Angreifer, ein vermummter Assassine mit Augen scharf wie Nadeln, verschwand sofort in der Finsternis, als hätte die Nacht ihn verschluckt.

Kael wusste, das Spiel hatte sich verändert. Nicht nur er war jetzt ein Spielball in einem größeren Kampf. Lord Dareth Valos’ Griff balancierte wie ein giftiger Schatten nahe an seiner Existenz.

„Bestätigung der Fähigkeit?“ Die Stimme des Systems war ruhig, fast ein Versprechen. „Die ‘Schattenklinge’ wird freigeschaltet – eine seltene Kraft, die den Kampf neu definiert. Aktivierung kostet – Energie und mehr.“

Kael schloss die Augen. Bilder blitzten auf, Visionen von Schmerzen, Verlusten, aber auch grenzenloser Macht. Ein Sirenengesang, der seine Seele umklammerte und sofort wieder losließ.

Er öffnete die Augen, die Welt schien plötzlich schärfer, klarer, als könnte er jeden Atemzug, jeden Herzschlag seiner Feinde spüren. Die Schatten um ihn waren keine Leere mehr – sie waren lebendig.

„Ich werde nicht zögern“, murmelte er leise, mehr sich selbst als dem System. Mit einem tiefen Atemzug verlängerte er seinen Fokus, visualisierte die ‘Schattenklinge’, eine scharf geschliffene Aura um seine rechte Hand webend.

Ein Funken durchfuhr seinen Arm. Ein Blitz, der jedes Haar aufrecht stellte, gefolgt von einem Brennen tief in seiner Brust, das ihn fast zu Boden zwang.

Der Boden bebte unter seinen Füßen. Kaels Blick verfinsterte sich, als die Klinge aus Schatten in seiner Hand Form annahm – schwarz, aber mit einem flüssigen, pulsierenden Licht durchzogen. Sie war leicht, tödlich und reagierte auf seine Gedanken.

Er stellte sich vor, wie er damit Gegner zerschneiden konnte, schneller als das Auge folgen konnte, an allen natürlichen und magischen Grenzen vorbei.

„Nutze die Kraft…“ flüsterte das System, „Aber wage nicht, die Kosten zu ignorieren.“

Kael öffnete die Hand, die Klinge verschwand so schnell, wie sie gekommen war, doch die Veränderung in ihm blieb.

Ein stechender Schmerz schnitt durch seinen Kopf, als ob ein Feuerbrand sein Gedächtnis anzündete. Erinnerungen flimmerten auf – Gesichter, Schreie, verlorene Seelen. Eine Warnung? Oder ein Versprechen?

Er taumelte, stützte sich an einer zerbrochenen Steinmauer ab, seine Knie weich wie Papier. Die Luft schmeckte schal, als hätte sie den bitteren Nachgeschmack von Blut aufgenommen.

„Willst du das wirklich?“, ertönte eine neue, fremde Stimme tief in seinem Inneren. Kein System-Interface, sondern etwas viel Dunkleres. Eine Präsenz, die unter seiner Haut kroch wie eine Schlange.

Kael schluckte schwer, sein Verstand kämpfte gegen das Ziehen, das ihn zwischen Verlangen und Warnung zerriss.

„Diese Macht...“ hauchte er, „… kostet mehr als nur Energie.“

Eine eisige Hand griff nach seinem Herzen, kalt und unerbittlich.

Hinter ihm ein leises, kaum hörbares Rascheln—eine Bewegung im Schatten.

Kael drehte sich blitzschnell um.

Doch da war... nichts.

Nur die Dunkelheit, die ihn lauernd aufzunehmen schien.

Er wusste, dass der Kampf gerade erst begonnen hatte.

Und dieses Mal würde er nicht nur um sein Leben kämpfen.

Sondern um seine Seele.

---

(Ende Kapitel 12)