Chapter 10
Kapitel 10 Doppelte Loyalitäten
Kael taumelte, als das grelle Licht langsam verblasste. Der Staub der zerfallenen Runen wirbelte in kleinen Wirbeln um ihn herum, und seine Lunge brannte vor jedem eingeatmeten Zug. Das Dröhnen in seinen Ohren hämmerte wie ein wildgewordener Sturm. Schatten tanzten auf den feuchten Steinplatten des verlassenen Hofs, zogen lang und verzerrt an den Mauern entlang wie die Finger einer unsichtbaren Hand.
„Kael…“ Eine Stimme, weich und doch hart unterlegt mit einem kaum verhohlenen Zweifel, zog ihn aus dem Nebel der Erschöpfung. Er blickte auf und sah Arin, seinen loyalsten Gefährten, der am Rand des Lichterkreises stand. Die Stirn in Falten gelegt, die Augen jedoch merkwürdig flackernd, als würde ein innerer Kampf in ihm toben.
„Was ist passiert?“ Kaels Stimme war rau, als er sich langsam aufstützte, die Fingerspitzen schmerzten von kleinen Kratzern.
Arin zögerte einen Moment, trat dann näher, das Gesicht halb im Schatten verborgen. „Du hast… etwas geweckt. Etwas, das wir noch nicht vollständig verstehen. Das System in dir – es ruft mehr Aufmerksamkeit auf sich, als du denkst.“
Kael spürte ein Ziehen in seiner Brust. War es Vorsicht? Misstrauen? Oder etwas anderes, das sich in Arins Haltung versteckte? „Wie meinst du das?“
Arin kniff die Augen zusammen, der Blick plötzlich scharf wie eine Klinge. „Lord Valos wird es wissen. Vielleicht weiß er es schon. Sein Netz zieht sich zusammen, und ich fürchte, wir sind nicht so unsichtbar, wie wir glauben.“
Die Worte hingen schwer in der kalten Luft. Kael biss die Zähne zusammen. Zum ersten Mal zweifelte er an Arins Unerschütterlichkeit. Der Mann, der ihm durch die dunkelsten Stunden gefolgt war, wirkte nun wie ein zweischneidiges Schwert in seiner Hand.
„Kann ich dir noch vertrauen?“ Kaels Stimme war ein Flüstern, zerbrechlich und herausfordernd zugleich.
Ein Schatten huschte über Arins Gesicht, und ein Lächeln, kalt und flüchtig, zuckte auf seinen Lippen. Dann nickte er.
„Solange dein Weg auch meiner ist.“
Doch in seinen Augen glomm ein Funken, den Kael nicht deuten konnte. War es Treue – oder Verrat?
Plötzlich knirschte das Kopfsteinpflaster, und weit entfernt erfüllte das dumpfe Echo von Hufschlägen die nächtliche Stille.
„Wir haben nicht viel Zeit,“ murmelte Arin, während er instinktiv die Hand an den Dolch legte, der in seinem Stiefel steckte. „Valos’ Schergen sind näher, als uns lieb sein kann.“
Kael reckte den Hals, suchte die Dunkelheit ab, und spürte, wie sich kalter Schweiß auf seiner Stirn bildete.
„Wir müssen zurück ins Lager. Dort können wir planen.“ Arin drehte sich um und bewegte sich mit flinken, lautlosen Schritten Richtung Schatten der Stadtmauer.
Kael folgte ihm, doch das misstrauische Pochen in seiner Brust wuchs. War Arins Warnung eine echte Vorsichtsmaßnahme? Oder ein Maulwurf, der eine verborgene Botschaft an Lord Valos schickte?
Im dichten Nebel der Nacht kristallisierte sich nur eines klar heraus: Nichts war mehr so, wie es schien. Und jeder Schritt konnte der letzte sein.
Ein kalter Wind durchfuhr die Gasse, als ein leises Flüstern durch die Dunkelheit zu kriechen schien.
„Doppelte Loyalitäten…“ Kael wiederholte die Worte wie ein Mantra.
Hinter ihm spürte er den Schatten von Arin, kühl und ungreifbar.
«Ist er wirklich auf meiner Seite?»
Bevor Kael eine Antwort finden konnte, riss ein hastiges Klopfen an seiner Schulter ihn aus den Gedanken.
Er drehte sich abrupt um – und blickte direkt in die tiefschwarzen Augen seines Gefährten.
„Wir müssen verschwinden, jetzt!“ flüsterte Arin.
Doch in diesem Augenblick traf Kael eine Entscheidung.
Er würde nicht länger im Nebel tappen.
Er würde das Spiel beenden.
Oder es zerreißen.
Und im Schatten war nichts so tödlich wie ein verborgener Verrat.
Das Holz der Tür hinter ihnen ächzte, als jemand nähertrat.
Kaels Herz schlug hart gegen seine Rippen.
Die Wahrheit wartete dahinter.
Ende Kapitel 10