Chapter 11
Kapitel 11 – Der gnadenlose General
Die Luft in dem düsteren Raum schien plötzlich schwerer, dichter, als hätte jemand die Finsternis darin mit einer unsichtbaren Decke erstickt. Noahs Herz hämmerte wie ein wild gewordenes Tier, das gegen die Käfigstäbe seiner Rippen schlug. Die Tür, die hinter ihnen ins Schloss gefallen war, ließ keinen funken Hoffnung auf Flucht. Das Quietschen des Scharniers verklang langsam, doch das ohrenbetäubende Schweigen, das folgte, war lauter als alles zuvor.
Sein Blick haftete auf Mirella. Ihr Gesicht war nur schemenhaft zu erkennen, vom schwachen Licht, das durch die Ritzen des Panzerglases hereinbrach. Ihre Augen leuchteten kalt und berechnend. Ein Schatten huschte darüber, wie ein Sturm, der drohend anzieht. Kein Zweifel mehr: Sie spielte ein doppeltes Spiel.
„Warum hast du mich nicht gewarnt?“ Seine Stimme war kaum mehr als ein raues Flüstern, das sich mit dem Knarren der alten Deckenbalken vermischte. Seine Finger krallten sich an die Kante der eisernen Trennwand, die sie voneinander trennte. „Ich habe dich gerettet... wir hätten das gemeinsam schaffen können.“
Ein kurzes, bitteres Lächeln spielte um Mirellas Lippen. „Rettung?“, antwortete sie, und ihr Tonfall war scharf wie Splitterglas. „Noah, in diesem zerfallenden Reich zählt nur, wer überlebt—und zu welchem Preis.“ Sie wandte den Blick ab. „Manchmal spielt man die Rolle des Verräters, um selbst nicht zu verschwinden.“
Noah spürte, wie die Kälte in ihm wuchs. Das Gefühl, von einem Schatten verschluckt zu werden, der längst über ihre Seelen kroch. Doch es gab keine Zeit für Verzweiflung.
Die Tür schwang auf.
Zwei stämmige Männer in wartungszerfetzten Uniformen traten ein, gefolgt von einem bleichen, hageren Mann, dessen eiserner Blick selbst in der Dunkelheit glühte.
General Harland Hetz.
Sein Auftreten war wie ein gefrorener Wirbelsturm, der alles Leben erstickte und mit eisernem Griff durch die kaputten Straßen des zerfallenen Landes zog. Die Haut, vom Krieg zerrissen und von zerfurchten Narben durchzogen, spannte sich über beinahe knöcherne Wangen. Seine Augen funkelten dunkel, unerbittlich, vom unstillbaren Hunger nach Macht.
„Herr...“ Einer der Männer trat vor, die Stimme stockte in seiner Kehle.
Hetz hob die Hand, das Knarren seiner Orden tödlich im Raum.
„Genug.“ Seine Stimme schnitt durch die Stille wie eine kalte Klinge. „Jede Sekunde ohne Bewegung ist ein verlorener Moment im Kampf um die Kontrolle.“
Er schritt durch den Raum, die schweren Stiefel hallten wider. Sein Blick gleitete an den Überwachungsbildschirmen vorbei, auf denen brennende Stadtviertel und zum Stillstand gekommene, verseuchte Straßen zu sehen waren.
„Sie wissen, was auf dem Spiel steht“, sagte er, ohne sich umzudrehen. „Die Ressourcen verknappen sich. Jede Verteilung wird zur Schlacht.“ Seine Stimme wurde leiser, durchdringender, wenn er sich an die Männer wandte. „Wir werden keinen Aufstand mehr dulden. Nicht hier. Nicht irgendwo in unserem Reich.“
Noah spürte, wie der Raum noch kälter wurde. Die Luft zerfiel in tausend Glasfetzen aus Eis.
„General, die letzten Versorgungszüge haben keinen Kontakt mehr. Die Guerilla-Aktivisten im Norden verstärken ihre Angriffe täglich. Wir verlieren Außenposten, Zufluchtsorte –“
Hetz hob die Hand zum Schweigen, sein Blick wurde zu Sondermüllglut. „Verluste sind Inkaufnahme, um Ordnung zu sichern. Wir brauchen kein Jammern. Nur Ergebnisse.“ Seine Finger trommelten wie ein Gewitter auf dem Schreibtisch.
Ein Funkgerät knackte.
„General, Meldung von der Südfront. Eine geheime Gruppe bereitet einen Angriff vor. Sie nennen sich 'Ascheherz'.“
Ein tödlicher Schatten legte sich über Hetz’ Züge. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen, die Kälte darin erstickte jede Hoffnung.
„Ascheherz?“ Er murmelte den Namen, als wäre es ein Fluch. „Wer zum Teufel...“
„Unbekannt, Sir. Sie haben es geschafft, einige unserer Patrouillen zu zerstreuen.“ Der Untergebene bohrte nach. „Es heißt, ihr Anführer trägt eine Maske.“
Hetz lächelte, doch in diesem Lächeln lag kein Spaß. Es war eine Warnung.
„Dann ist es Zeit, das zu ändern.“
Mit einem schnellen Schritt drehte er sich um und stürmte aus dem Raum, die Tür schloss sich hinter ihm wie ein Grabstein.
Die verbleibenden Männer sahen sich zögernd an, ehe einer leise sagte: „Die Operation... die tödliche Operation, die er vorbereitet ... gegen wen ist sie gerichtet?“
Die Antwort blieb im Raum hängen, unausgesprochen, wie der kalte Hauch des Todes.
Noah sog die Luft scharf ein, seine Finger ballten sich zu Fäusten. Unter der Maske in seinem Inneren loderten die Ascheherzen entflammte Feuer—nicht nur für seine Schwester, sondern für den letzten Funken Menschlichkeit in einer Welt, die vom gnadenlosen General Hetz erdrückt wurde.
Ein weiterer Schritt, ein weiterer Kampf.
Das Spiel hatte begonnen. Und der General hatte den nächsten Zug gemacht.
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Ein leises Klirren aus dem Flur.
Noahs Kopf zuckte in Richtung der Tür.
Seine Maske spiegelte das flackernde Licht der verseuchten Welt.
Und jetzt wird alles entschieden.