NoveliqaAscheherz: Überleben im letzten Funken / Mirellas Schattenseite :0%
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Chapter 10

Mirellas Schattenseite

Kapitel 10 Mirellas Schattenseite

Noahs Herz schlug rau und ungestüm, als das leise Kratzen an der Tür verstummte. In seinem Inneren brannte ein erstickendes Feuer—ein Konflikt zwischen misstrauischer Wachsamkeit und der erschöpften Hoffnung auf Verbündete. Die kalte Luft im Raum schmeckte nach bleibender Stille, doch sie war trügerisch, durchzogen von unsichtbaren Spannungen.

Er presste die Faust gegen den brennenden Schmerz in seiner Magengegend, während er sich langsam von der Tür abwandte. Die LED-Flamme warf flackernde Schatten auf die Wände — flackernde Gespenster, die ihn wie lauernde Erinnerungen umschlangen. Er wusste, es war nicht die Tür, die sein Überleben gefährdete. Sondern das, was im Schatten dahinter lauerte. Mirella.

Ihre Stimme war unsichtbare Klinge, ihre Augen undurchdringlich wie tiefschwarzer Grund. Warum misstraute er ihr so bitter? Und doch, es gab Gründe—mehr als genug.

Noah setzte sich scharf atmend auf die Kiste, die er als improvisierte Sitzgelegenheit nutzte. Die Nächte hier draußen gaben keine Ruhe, die Versehrtheit der Welt war sein einziger Begleiter. Sein Blick hakte sich am Fleck des schwächlichen Lichts fest, das durch das staubige Fenster schimmerte—wie Hoffnung und Verrat zugleich. Sein Verstand wirbelte: Mirella hatte ihn oft genug verraten, oder mindestens in die Nähe davon gebracht. Doch jetzt? Diese Nähe, dieses Flüstern in der Dunkelheit.

„Du bist sicher, dass es keine Spione hier draußen gibt?“, knurrte er plötzlich und sein Unterton war scharf wie zerbrochenes Glas.

„Noah...“, begann eine Stimme, die sich weich und vertraut anfühlte, aber auch kalt genug, um porentiefes Misstrauen hervorzurufen.

Er fuhr herum.

Mirella stand im Türrahmen, die schlanke Gestalt von einem fahlem Lampenschein halb verborgen. Ihr Blick war voller ungesprochener Fragen, doch in ihren dunklen Augen kreiste etwas, das er kaum zu greifen wagte: Geheimnis.

„Warum fragst du?“, entgegnete sie mit einem dünnen Lächeln, das mehr verletzte als tröstete.

Noah biss in seine Unterlippe; der Stich der Erinnerung fraß sich tief in sein Bewusstsein zurück. Die nächtlichen Treffen—das hastige Flüstern, das durch den Lagerplatz zog. War sie es, die Details an Harland Hetz weiterleitete? War sie das Instrument seiner Ketten? Die Zweifel waren nicht mehr leise hintergründige Schatten, sondern ein grelles Flammenmeer.

Langsam stand er auf, die Fäuste geballt, bereit, die versteckte Wahrheit zu knacken. „Ich habe Gespräche gehört, Mirella. Worte, die nur an Ohren wie deine gefallen können. Wem gehörst du?“

Ein Hauch von Flamme blitzte in ihren Augen auf — kein Zögern, sondern Kälte. „Das einzige, was ich gehöre, ist dem Überleben, Noah. Und manchmal muss man eben zwischen den Fronten laufen.“

Er trat einen Schritt näher, die Luft spannte sich wie ein Drahtseil zwischen ihnen. „Das klingt nicht wie Loyalität. Und schon gar nicht wie die Wahrheit.“

„Nein“, erwiderte sie, ihre Stimme plötzlich niedrig und scharf. „Es hört sich nach Verrat an — ich weiß. Aber es könnte auch dein Tod sein, wenn du nicht begreifst, dass wir hier keine Freunde haben. Nur Gegner.“

Noah sah ihr in die Augen, spürte das Gewicht ihrer Worte und doch blieb der bittere Geschmack von Zweifel in seinem Mund. Hatte sie ihn gerettet oder zurück in Hetz’ Schatten geführt?

Plötzlich erklang ein Knall von draußen, gefolgt von hastigen Schritten und einem chaotischen Schweigen, als ob die Luft selbst den Atem anhielt.

„Wir sind entdeckt“, flüsterte Chil, ein anderer Überlebender, der unerwartet in den Raum stürmte, das Röcheln in der Stimme kaum verbergend. „Harlands Männer nähern sich—Du musst hier weg!“

Noah spürte, wie sich etwas in Mirellas Haltung veränderte. Ihr Körper spannte sich, eine blitzschnelle Entscheidung lag in der Luft. Ohne ein weiteres Wort zog sie ihn am Arm, fort von den Möglichkeiten des Verrats und in die Dunkelheit hinaus. Ihre Bewegungen waren zielgerichtet, präzise — als hätte sie all ihre Geheimnisse schon längst gegen sein Leben gewogen.

„Warum tust du das?“, keuchte Noah, während sie durch enge Gassen sprinteten und der beißende Geruch von verbranntem Holz in seine Lunge stach.

Mirella warf ihm einen Blick zu, der zugleich herausfordernd und schützend war. „Ich habe meine Gründe, Noah. Und die sind nicht so schwarz oder weiß, wie du denkst.“

Seine Gedanken drehten sich, wild und unerbittlich: Spielte sie ein doppeltes Spiel? Oder war sie der letzte Funke, der seine brennende Welt zu retten vermochte?

Als hinter ihnen Schatten in der Dunkelheit pulsierend zu Leben erwachten und unerbittliche Schritte sie einholten, wusste Noah nur eins mit Sicherheit: Nichts war so, wie es schien. Und heute Nacht würde sich entscheiden, wem er vertrauen konnte — oder ob er sich selbst verraten musste, um zu überleben.

Das letzte Flüstern der Nacht klang wie ein Flammenstoß an seiner Seele:

Hat Mirella eigene Pläne oder spielt sie ein doppeltes Spiel?

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Die Tür knallte hinter ihnen ins Schloss. Und das Spiel begann neu.