Chapter 3
Kapitel 3 Verstoßene und Verachtet
Kaels Fäuste formten sich zu stählernen Kugeln, als er den Wald hinter sich ließ. Seine Schritte waren schwer, jeder Tritt in das moosbedeckte Erdreich wie ein Stich in seiner Brust. Das Geheimnis, das er so lange in sich begraben hatte, krallte sich nun in seinem Herzen fest – wild, unbändig, voller dunkler Möglichkeiten.
Liora stand am Rand der Lichtung. Ihr Atem ging stoßweise, das feuchte Blätterdach über ihr vermischte den Geruch von Kiefernnadeln und feuchtem Moos mit einem Hauch von Feuer – dem Feuer, das gerade in ihrer Brust loderte. Die Schatten, die das späte Abendlicht zeichnete, kratzten an ihrem Gesicht, formten ein groteskes Muster aus Zweigen und blutroten Streifen.
„Kael“, sagte sie leise, aber ihre Stimme war nicht schwach. Ein Riss durchzog ihre sonst so kontrollierte Miene. „Du darfst dich nicht verstecken. Nicht vor der Wahrheit.“
Er drehte sich langsam um, die Augen schwer von Sorge und Entsetzen. „Du verstehst nicht, was das bedeutet. Wenn das herauskommt, wird alles zerbrechen. Nicht nur für mich, für uns alle.“
Lioras Finger gruben sich unbewusst in die Handkante. „Und wenn wir nichts tun? Wenn wir schweigen, bis es uns von außen zerreißt?“
Der Wald schien unter ihren Worten zu erstarren. Nur das Rascheln der Blätter und das ferne Heulen eines Wolfes durchbrachen die gespenstische Stille.
Kael ging auf Liora zu, seine Stimme hart, aber von einer trügerischen Wärme durchdrungen. „Du bist anders, Liora. Daran werden sie dich messen. Nicht nur deine Stärke oder wie du kämpfst, sondern deine Herkunft.“
Ein bitteres Lachen entrann ihrer Kehle. „Anders. Verstoßen. Verachtet.“
Jedes einzelne Wort brannte sich in die Luft, als wären sie Flammen, die ihre Haut versengten.
„Sie nennen mich die Tochter des Schattenrudels“, flüsterte sie. „Die, die nicht sein darf.“
Kael presste die Lippen zusammen, als seine Gedanken zurück zu jener Nacht sprangen, die alles verändert hatte – die Nacht, in der Liora fürs Verloren erklärt wurde.
„Warum“, murmelte Liora plötzlich, als müsse sie es sich selbst fragen, „war ich damals tot? Warum hat man mich begraben, wenn ich doch überlebt habe?“
Sein Blick verhärtete sich. „Weil nicht jeder die Wahrheit ertragen kann.“
Die Worte hingen wie eine schwarze Wolke zwischen ihnen, schwer und ausweichend.
Lioras Augen weiteten sich, ihre Brust hob und senkte sich schneller. Sie wollte schreien, rennen, und doch war sie wie ein Schatten gefangen in der Fänge ihrer Vergangenheit.
„Sag es mir, Kael“, forderte sie mit einer Stimme, die an der Grenze zum Zerreißen war. „Sag mir, warum ich in der Dunkelheit geboren wurde und warum sie mich dort haben sterben lassen.“
Kael wich einen Schritt zurück, als ob die Antwort selbst ihm verbrannt hätte. Sein Gesicht lief blass an, und für einen Moment schien er ein gejagtes Tier.
„Es geht um Macht. Um Blutlinien, die nicht vermischt werden dürfen. Um Gesetze, die älter sind als wir beide.“
Liora biss sich auf die Lippe, fühlte die Kälte der Ablehnung durch ihre Adern kriechen. Jeder Satz ein Schlag, jede Erklärung wie eine Narbe, die sich über ihre Seele zieht.
„Ich bin kein einfaches Rudelkind“, sagte sie tonlos, das Gewicht dieser Erkenntnis schwer auf ihren Schultern. „Ich trage das Blut, das niemand akzeptieren will.“
Der Nebel, der sich langsam über die Lichtung zog, umschlang sie wie ein kalter Mantel. Die Dunkelheit rückte näher, bereit, ihre Geschichte zu verschlingen, und doch flammt in Liora etwas auf – ein Zorn, tief und gnadenlos.
„Ich werde beweisen, dass ich mehr bin als das, was sie in mir sehen wollen.“
Kael sah sie an, ein stummer Schwur in seinen Augen. „Dann lass uns das Rudel vorbereiten. Die Zeit des Versteckens ist vorbei.“
Und während die Nacht das Land verschluckte, hallte in Lioras Brust das pochende Herz eines Alphas – bereit für den Beginn eines Krieges, der sie entweder zerstören oder für immer zu etwas Größerem formen würde.
Ein leises Kratzen an der Tür hinter ihnen riss sie aus dem Moment.
Ein Schatten bewegte sich durch den Nebel.
„Liora…“ Kaels Stimme war nur ein Flüstern. „Jemand ist hier.“
Langsam, zögernd, drehte sie sich um.
Wer war es, der sie suchte – und was hatte er mit ihrer Vergangenheit zu tun?
Der Grund, warum Liora als Kind für tot erklärt wurde, lag verborgen in den dunkelsten Tiefen des Werwolfsordens – ein Geheimnis, bereit ans Licht gezerrt zu werden.
Doch bevor sie die Antwort hören konnte, hielt die Nacht den Atem an.