NoveliqaAlpha des Schicksals: Blutband der Ewigkeit / Die Geschichte der verstoßenen Tochter :0%
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Chapter 12

Die Geschichte der verstoßenen Tochter

Kapitel 12 Die Geschichte der verstoßenen Tochter

Der Atem in Lioras Kehle stockte. Der kalte Hauch der Dunkelheit legte sich wie eisiger Nebel auf ihre Haut. Das Flüstern, dieses pulsierende, verlockende Versprechen, hallte noch immer in ihrem Kopf nach.

„Ich werde dich fangen, Alpha. Deine Zeit läuft ab.“

Die Worte zerfetzten die Stille wie scharfe Messer in dichtes Leder. Jeder Herzschlag hallte wider, als ob der Wald selbst ihren Schmerz hörte. Ihr Griff um das Messer zitterte, die Klinge glitt fast aus ihrer Hand. Der Boden unter ihr schien sich zu neigen, der Rand der Realität verschwamm. Sie wusste, es war keine Drohung aus Luft, keine Fantasie. Es war ein Schwur – und er kam von jemandem, der näher war, als sie es je gewagt hatte zu denken.

Mit bebenden Fingern ließ sie das Messer sinken. Der silberne Stahl reflektierte das fahle Mondlicht, zerbrach in hundert splitternde Reflexe. Ein Schauer rann ihren Rücken hinab, Eis gegen nackte Haut. Die Schatten der Bäume tanzten unheilvoll im Wind, wie stumme Wächter dieses unausweichlichen Schicksals.

Liora wandte den Blick zum düsteren Pfad zurück, der aus dem Wald führte. Ein Pfad, der voller Lügen, Geheimnisse und Vernichtung war.

Ein leises Knacken ließ sie erstarren. Für einen Herzschlag blieb die Welt stehen, ehe sie sich ruckartig umdrehte. Doch niemand war da. Nur der kalte Atem der Nacht und ihr eigener, schneller Schlag in ihrer Brust.

Sie musste Antworten finden. Jetzt.

Ungeduldig, fast verzweifelt, ließ sie die Äste hinter sich zurück und stürmte zurück zu der kleinen Hütte, deren morsche Holzwände das letzte Versteck des Verbotenen hüteten – das Archiv ihres verstorbenen Vaters.

Die Tür knarrte, als sie sie aufstieß. Ein verstaubter Geruch von altem Papier und Moos schlug ihr entgegen. Die Auffahrt war verwüstet, das Chaos unübersehbar, als hätten Suchende hier vor ihr gewütet. Doch niemand war mehr da.

Stumm kniete Liora sich vor die verblassten Papiere, die über einen zerbrochenen Holztisch verteilt lagen. Eine fragile Schrift, fast verblasst von der Zeit, offenbarte bruchstückhafte Hinweise auf ihre Herkunft. Doch dann – ihr Herz riss innerlich auf –, stieß sie auf ein Dokument, dessen Bedeutung tief in ihr brannte.

Die Urkunde, vergilbt vom Alter, trug einen Stempel, der das Siegel ihres Rudels darstellte; doch die Worte flüsterten etwas anderes.

„Liora Hartmann – tot erklärt am 12. Mondzyklus, vier Jahre nach der Geburt.“

Der Name – ihr Name.

Ihr Körper erstarrte. Eine Flut heißer Erinnerungen stieg auf, drängte gegen die Schranken ihres Verstandes. Wie erstarrte Schatten tanzten vor ihren Augen; Szenen ihrer Kindheit, fragmenteweise, zerrissen vom Schmerz und Schweigen. Jemand hatte sie für tot erklärt – nach all den Jahren, in denen sie gekämpft, gehasst und geliebt hatte.

Doch warum? Um sie zu schützen? Oder um sie zu vernichten?

Die finstere Wahrheit schlich wie eine kalte Schlange in ihren Geist.

Sie griff nach weiteren Papieren, schob sie beiseite, um ein vergilbtes Tagebuch zu finden, dessen Ecken zerfetzt waren.

Ihre Augen glitten hastig über die handgeschriebene, schlampige Schrift.

„Meine Tochter. Die verstoßene Tochter. Ich schwöre, ich werde dich schützen gegen jeden Preis.“

Eine bekannte Handschrift zeichnete sich ab – die von Eldric, ihrem Vater.

Liora’s Hände wurden feucht, die Luft schien dicker, schwerer. Ein Stich bohrte sich in ihr Herz. Ihr Vater hatte eine Entscheidung getroffen, eine uralte, blutige Entscheidung, die ihre Existenz versteckte in Lügen und Verschleierung.

„Aber nicht jeder will, dass du lebst“, stand weiter unten, schwach geschrieben, fast im Flüsterton.

Sie sank in sich zusammen, das Papier schlabberte leise zwischen ihren Fingern. Tränen, heiß und scharf, bahnten sich ihren Weg über ihr Gesicht.

Das Versteckspiel hatte lange genug gedauert. Sie war kein Fehler. Kein Schatten der Vergangenheit. Sie war lebendig – und gewollt am Leben.

Doch von wem wurde sie geschützt? Und wer hatte alles daran gesetzt, sie sterben zu lassen, um sie aus dem Spiel zu nehmen?

Draußen brach plötzlich die Stille.

Ein leises Poltern. Ein Flüstern zu viel.

Der Frost der Nacht biss ihr in den Nacken. Liora hob den Blick. Die Tür zitterte. Ein Schatten zeichnete sich ab – und hinter ihm eine Stimme, tief und bedrohlich:

„Liora.“

Ihr Name, gesprochen wie ein Fluch und ein Versprechen zugleich.

Ihr Herz schoss in die Höhe. Wer war es? Freund oder Feind?

Sie richtete sich auf, das Feuer der Entschlossenheit wachte in ihren Augen.

„Ich weiß jetzt, was du bist“, hauchte die Stimme.

Die Klinge glänzte erneut auf.

Die Zeit der Verfolgung hatte gerade erst begonnen.