Chapter 11
Kapitel 11 Nächtliche Intrigen
Der kalte Hauch der Nacht schlüpfte durch die Ritzen der verlassenen Halle, mischte sich mit dem hellen Aufglimmen eines verschwundenen Bildes. Lioras Herz trommelte so heftig in ihrer Brust, dass es in ihren Ohren rauschte. Ihre Finger krampften sich um die blanke Metallstange, an der sie lehnte, den eigenen Atem ausgelöscht, als wäre jeder Laut ein Verrat.
„Vex“, hauchte ihre Seele, als hätte der Name selbst das Dunkel durchdrungen und sein eisiges Gift verströmt.
Langsam löste sie die nackte Angst ab und spürte die brennende Glut tief in ihrem Inneren – Wut, Entschlossenheit, und die flackernde Frage, die wie ein Schatten hinter ihren Augen zuckte: Wer will mich zerstören? Und warum?
Ein leises Knistern durchbrach die Stille. Liora drehte sich blitzschnell um und sah, wie die Überwachungskamera aus ihrem Sockel gerissen am Boden lag, still und leblos wie ein stummer Zeuge des Verrats.
„Das war kein Zufall“, knurrte sie, die Stimme tief und rau, doch ihre Beine fühlten sich wackelig an, als hätten sie soeben einen stummen Sturz überlebt.
Das Licht der leeren Halle war nur spärlich, doch hinreißend genug, um die tiefen Schatten auf den zerfetzten Wänden zu sehen. Blutspuren? Nein, kein frisches Blut – nur dunkle Flecken, die alt und eingetrocknet wirkten. Doch etwas anderes fiel ihr auf: Ein barely wahrnehmbarer Duft — scharf und metallisch, vermischt mit etwas Erdigerem, Verrottendem. Öl oder Gift?
Ihre Nase zog sich zusammen. Ein heimtückischer Plan schmiedete sich gegen sie, ausgeklügelt. Wie viele Hände hatten sich bereits gegen sie gewandt, die ihr nach dem Leben trachteten? Darian Vex war nicht nur ein Name, er war ein Sog, der alles verschlang.
Liora trat aus dem Schatten hervor, die Muskeln spannten sich unter der schwarzen Lederjacke. Ihr Blick glitt suchend über die leeren Stuhlreihen, die verstreuten Akten auf dem staubbedeckten Tisch. Hinter einem vergilbten Pergamentstück blitze ein kleiner Schlüsselkettenanhänger auf — ein Wolfszahn, fein gearbeitet, mit blutroten Einlagen.
„Ein Signal“, murmelte sie, ihre Stimme beinahe ein Flüstern. „Ein Zeichen… von jemandem, der will, dass ich weiß, dass sie da sind. Ganz nah.“
Plötzlich vibrierte ihr Telefon, das in der Tasche lag. Das grelle Licht blendete in der Dunkelheit, der Bildschirm zeigte eine unbekannte Nummer.
Mit zitternden Fingern öffnete sie die Nachricht:
„Du bist nicht so unantastbar, wie du denkst. Es ist Zeit, dass du fällst, Alpha.“
Ein kaum greifbarer Schatten zog über ihr Gesicht, während sie sich umdrehte. Nicht weit entfernt, auf dem gegenüberliegenden Balkon, schimmerte durch die Nebel ein schemenhaftes Profil. Die Konturen eines Mannes. Groß. Mächtig. Die Augen leuchteten in einem kalten, durchdringenden Blau.
„Vex“, hauchte sie wieder, die Worte wie ein Fluch auf den Lippen.
Ihr Verstand raste. Wer war dieser Feind? Ein Maulwurf im Rudel? Ein Verräter aus den eigenen Reihen? Oder ein Spieler aus der dunklen Welt der Alpha-Politik, der aus dem Schatten heraus die Fäden zog?
Ein kalter Tropfen rann über ihren Nacken. Liora wirbelte herum, suchte das Risiko im Dunkel zu lokalisieren, doch der Mann war verschwunden.
Draußen begann der Nebel zu rollen, dichter, feuchter, und schien das Herz jeden Hauses zu fressen. Ihre Sinne schärften sich bis zum Zerreißen, Ohren und Augen für jede kleinste Bewegung. Keiner konnte sie jetzt unbemerkt angreifen.
Sie nahm den Wolfszahn in die Hand, spürte die kühle Härte des Metalls und die raue Oberfläche der Einlagen.
„Wer hinter diesen Intrigen steckt“, murmelte sie leise, „wird bald herausfinden, dass sie mich unterschätzen.“
Langsam trat sie zurück, jeder Schritt ein Echo ihres inneren Krieges. Mit jeder Faser wusste sie, das Spiel hatte begonnen – ein tödliches Katz-und-Maus-Spiel, in dem ein falscher Zug den Untergang bedeuten konnte.
Im Schatten eines zerbrochenen Fensters blitzte plötzlich ein weiteres Objekt auf. Ein kleines, unscheinbares Täschchen. Vorsichtig, instinktiv griff sie danach. Drinnen lag eine winzige Spritze, gefüllt mit einer dunklen, zimtfarbenen Flüssigkeit.
Das Herz klopfte ihr in die Ohren.
„Wer hat das hier zurückgelassen?“ Ihre Stimme war hart, doch unter dem Stahl ihres Alphas sorgte sich die verletzte Frau darin. „Wer will mich krank machen? Schwächen?“
Ein kaltes Lachen, kaum hörbar, schwebte durch die kühle Luft, so nah und doch unerreichbar.
Plötzlich flackerte die Flamme einer entfernten Straßenlaterne, und ein Rascheln im Gebüsch ließ Liora zusammenzucken. Ihre Hand schoss zum Messer am Gürtel, bereit zuzuschlagen.
Doch die Schatten hielten sich zurück.
„Bleib wachsam, Liora“, raunte sie sich selbst zu. „Du bist Alpha, verdammt nochmal. Du kannst zerreißen oder gefressen werden.“
Dann, im flackernden Licht der Laterne, schoß eine Gestalt hervor. Schnell, zielstrebig und mit der Anmut eines Raubtieres. Doch anstatt zuzuschlagen, warf sie ihr einen kleinen Zettel zu — kaum wahrnehmbar im Tanz der Dunkelheit.
Liora fing ihn und riss ihn auf. Die Worte waren knapp, aber eindeutig:
„Vex ist nur der Anfang. Vertrau niemandem.“
Das Blut schlug ihr in den Kopf. Das Herz raste. Wer war noch in ihrem Inneren gefährlich? Wo war die Frontlinie, die sie so mühselig gezogen hatte?
Hinter ihr knackte das alte Holz des Bodens — eine weitere Präsenz, unmittelbar, hinter ihr.
Sie wirbelte herum, das Messer in der Hand, bereit zum Angriff.
Ein Schatten löste sich vom Nebel. Eine Stimme, tief und rau, durchdrang die Nacht:
„Du weißt nicht, was du anrichtest, Liora.“
Die Kälte in seinen Worten schnitt durch jede Faser ihres Körpers.
Die Welt drehte sich um sie, jedes Geräusch wurde lauter, tiefer, bedrohlicher.
Ein Teil von ihr verlangte zu flüchten, ein anderer, zu kämpfen.
Unter dem Sternenzelt der verfluchten Nacht war nur eines sicher:
Jemand wollte sie zerstören.
Und dieser Jemand war näher, als sie je vermutet hatte.
Ihr Griff um das Messer wurde fester.
Dann, ein Flüstern—ein Versprechen, wild und blutig:
„Ich werde dich fangen, Alpha. Deine Zeit läuft ab.“