Capítulo 1
Der Regen peitschte rhythmisch gegen die schmalen Fensterscheiben des Ateliers. Dunkle Wolken schoben sich schwer über die Dächer Berlins, als hätte der Himmel die Stimmung darin aufgenommen. Selina stand mitten zwischen halb fertigen Leinwänden, der Pinsel noch feucht in der Hand, doch ihre Augen starrten leer auf die Stoffbahn, die sich verhängnisvoll vor ihr ausbreitete: ein Brief, dessen Inhalt das fragile Gleichgewicht ihres Lebens zerstörte.
„Was heißt das?“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, trocken wie die Luft, die ihr die Panik raubte. Die Worte des Anwalts hallten nach, so schneidend wie der Frost an diesem frühen Abend.
„Ihre Mutter… Die Schulden. Es ist schlimmer, als Sie erwartet haben.“, sagte der Mann mit ernstem Blick, bevor er ihr das undurchsichtige Stück Papier reichte – ein Ultimatum in Form eines Vertrags.
Selina ließ den Brief sinken, der Fingerzucken des Schocks fraß sich in ihr Herz. Ihre Mutter, die immer so stolz gewesen war, erdrückt von Verbindlichkeiten, die sie nie geahnt hatte. Versteckte Kredite, eingetrübte Geschäfte. Kein Ausweg. Niemand, der half. Nur dieser Deal.
„Eine Schein-Ehe“, murmelte sie, während die Worte sich in ihrem Kopf formten, grau und schwer. „Mit Alexander.“ Aber Alexander war kein Fremder. In der Gesellschaft, über die sie so wenig wusste, war er eine Legende: kalt, mächtig, und vor allem – unerbittlich.
Selinas Blick wanderte zurück zu den Farben, die sie liebte. Doch heute schienen sie ihr nichts mehr zu bedeuten. Das Atelier, einst ein Zufluchtsort ihrer Freiheit, verwandelte sich in einen Käfig aus Verpflichtungen und Fesseln – vollkommen unsichtbar, doch lähmend wie Stahl.
Die Tür öffnete sich leise, und der Anwalt trat zurück in den Schatten des Flurs. „Sie haben achtundvierzig Stunden Zeit. Danach…“ Seine Stimme verlor sich in der Düsternis.
„Was dann?“ Ihre Kehle schnürte sich zu.
Ein leises Lachen, schneidend und bitter. „Dann läuft das Angebot aus, und die Gläubiger gehen direkt auf Sie zu. Ohne Rücksicht.“
Der Regen draußen nahm zu. Trommelte jetzt wie das unerbittliche Schicksal, das an ihre Tür klopfte.
Selina schluckte schwer, ihre Finger krallten sich in den Pinselgriff. „Und ich?“ Sie schloss die Augen, doch statt Ruhe fühlte sie ein Brennen in der Brust, scharfe Nadeln von Angst und Trotz.
Die Freiheit, von der sie immer geträumt hatte, war auf einen Schlag verhandelbar geworden.
Ein letzter Blick durch das Fenster – das glitzernde Panorama der Stadt, in der sich Macht und Verlockung wie ein Netz spannten.
Und nun?
Sollte sie sich selbst verraten, nur um das Leben derer zu retten, die sie liebte?
Oder würde sie die Fesseln sprengen – selbst wenn das bedeutete, alles zu verlieren?
Der nächste Anruf wartete, das Klingeln eines Telefons, das eine neue Welt eröffnete.
Selina hob zögernd den Stift.
Der Vertrag lag vor ihr, die Unterschrift schien ein Tor in eine unbekannte Dunkelheit.
Mit zitternder Hand setzte sie an.
Aber dann – ein Klang an der Tür.
Ein Klopfen.
Nicht leise, nicht zaghaft. Sondern bestimmt, fordernd.
Sie erstarrte.
Das Herz hämmerte ihr bis zum Hals.
Wer konnte das sein?
Die Entscheidung lag in der Schwebe.
Und die Zeit verrann.