Capítulo 1
Der schrille Klang ihres Handys riß Lara aus einem letzten, halbvergessenen Traum. Die trockene Stimme ihrer Chefin hallte durch den Raum, kalt wie ein Glas Eiswürfel.
„Lara, wir müssen reden. Komm heute Nachmittag ins Büro. Es geht um deine Position.“
Ihr Herz stolperte. Im flackernden Licht ihrer kleinen Wohnung wirkte selbst die vertraute Welt fremd. Vorsichtig schob sie die Decke zurück, spürte den kalten Boden unter den nackten Füßen. Der Geruch von altem Kaffee und Farbe lag noch in der Luft. Es war ihr Reich, das kleine Atelier, das zugleich Zuflucht war vor der Welt da draußen.
Doch heute war alles anders.
Die Straßen der Stadt waren von regennassen Schatten verziert, als sie in die Klinikstraße schlich und langsam das schwere Portal zu Galeria Kunst öffnete. Dort, wo einst die Meisterwerke der Geschichte in behutsamer Stille restauriert wurden, herrschte nun eine erratische Spannung. Ihre Kollegen blickten kaum auf. Ein Hauch von Abschied lag wie ein Phantom über den kahlen Wänden.
In der Glasbox, die das Büro ihrer Chefin vom Rest trennte, saß sie. Ihre Miene war undurchdringlich, den Blick steif auf den Bildschirm gerichtet.
Lara setzte sich. „Sie wollten mit mir sprechen?“
„Ja“, begann die Chefin, ohne aufzublicken. „Die Firma... wir müssen sparen. Deine Position wird gestrichen.“ Ihre Worte fielen schwer wie Bleiklumpen, die sich in Laras Brust verfingen.
Ein Rauschen übertönte für einen Moment die ganze Welt. Sie wollte aufschreien, argumentieren, kämpfen. Doch nur ein stummer Kloß in der Kehle blieb zurück.
„Warum ich? Ich bin seit fünf Jahren die Stütze des Teams. Sie wissen, dass ich meine Arbeit liebe.“
Die Chefin hob die Schultern. „Nicht relevant. Entscheidungen von oben.“
Laras Blick fiel auf einen vergilbten Fetzen Papier unter der Schreibtischplatte – eine Skizze, ein Teil eines längst vergessenen Gemäldes, an dem sie monatelang gearbeitet hatte. Zerknittert, wie ihr hoffnungsvolles Herz.
„Was soll ich jetzt tun?“ flüsterte Lara, mehr zu sich selbst als zu ihr.
„Gehen, bevor es weh tut. Es gibt da draußen eine gnadenlose Welt, Winter. Pass auf, dass sie dich nicht zerfrisst.“
Die Stimme war jetzt weicher, fast schon mitleidig.
Draußen auf der Straße begann der Regen stärker zu prasseln. Tropfen liefen über Laras Gesicht, mischten sich mit einer Träne, die sie nicht zurückhalten konnte. Ihre Hände zitterten, während sie ihre Tasche schulterte und losging.
Jeden Schritt spürte sie wie auf Glas, zerbrechlich und ungewiss.
Zuhause angekommen, ließ Lara die Sicht auf ihre bescheidene Wohnung schweifen. Wände, die Geschichten eines anderen Lebens erzählten; Bilder von Technik, Kunst und Erinnerungen an bessere Zeiten. Sie griff nach ihrem Notizbuch, in dem sie Entwürfe skizziert, und blätterte es mechanisch durch.
Inmitten der Texte und Zeichnungen entdeckte sie eine unscheinbare, handgeschriebene Notiz, die vorher nicht da gewesen war:
„Für den Fall, dass du glaubst, verloren zu sein.“
Darunter klebte ein glänzender, dunkelroter Umschlag – ohne Absender.
Mit zitternden Fingern öffnete sie ihn.
Ein golden geprägt Schriftzug funkelte ihr entgegen:
„Viktor Engel lädt Sie herzlich ein.“
Laras Augen weiteten sich. Viktor Engel – ein Mann, dessen Name in geheimen Flüstertönen durch die Flure der Macht hallte, eine Legende in der schillernden Welt der Reichen, umgeben von Mythen und Intrigen.
Ein Knistern, ein Pulsieren arbeitete sich in ihre Adern, als sie das Einladungsschreiben entfaltete.
Keine Adresse, kein Datum. Nur drei Worte unterstrichen in schwarzer Tinte:
„Du entscheidest dein Schicksal.“
Ein Windzug spielte mit der Gardine, als aus der anstehenden Dunkelheit Schatten tanzten.
Sie schloss die Augen. Der Boden unter ihr schien zu beben.
Was, wenn dieser Brief ihr letzter Rettungsanker war?
Das Telefon klingelte.
Zögernd griff Lara danach – doch niemand sprach.
Nur ein Flüstern.
Ein Versprechen.
Ein Neubeginn.