Kapitel 1
Lea saß auf der kleinen, abgewetzten Couch in dem Zimmer, das zugleich ihr Atelier war. Der Geruch von frischer Farbe hing schwer in der Luft, vermischt mit dem muffigen Duft alter Bücher und dem kaum merklichen Hauch von Feuchtigkeit, der aus den Ritzen des schiefen Fensters kroch. Ihre Hände zitterten leicht, als sie die zerknitterte Rechnung auf dem Couchtisch festhielt. Die Beträge waren astronomisch, viel zu hoch für ihre schmalen Einnahmen, die aus gelegentlichen Aufträgen stammten.
Ein leises Klopfen an der Tür ließ sie zusammenzucken.
„Lea Becker?“, hörte sie eine klare, tiefe Stimme.
Sie richtete sich auf, ihre Finger verkrampften um das Papier. Noch bevor sie antworten konnte, schob sich die Tür auf. Ein Mann in makellosem Anzug trat ein. Seine Aura füllte den kleinen Raum mit einer Fremdheit, die sich anfühlte wie der kalte Wind der Großstadt, der selbst die dicksten Mäntel durchdrang.
„Alexander Stern“, stellte er sich vor, ohne eine Spur von Wärme in der Stimme. „Ich bin von der Stern-Gruppe.“
Lea biss sich auf die Lippe. „Was… was wollen Sie hier?“
„Ein Angebot.“ Seine Augen, düster wie ein Gewitterhimmel, bohrten sich in ihre. „Ein Angebot, das Ihr Leben – und das Ihrer Familie – verändern wird.“
Der Raum schien auf einen Schlag kälter zu werden. Ihre Kehle trocknete aus und das Herz schlug ihr bis zum Hals. „Ich kann nichts verkaufen. Keine Bilder, keine Kunst. Alles liegt auf Eis wegen der Schulden.“
Er schritt voran, seine Schritte klackten auf dem alten Holzboden wie ein Taktgeber ihres Schicksals. „Sie sind talentiert, Frau Becker. Talent kann man nicht kaufen. Aber man kann es ausnutzen.“
Mit einem eleganten Schwung aus seiner Aktentasche zog er ein dickes Dokument hervor, das auf ihrem kleinen Tisch fast fehl am Platz wirkte.
Sie blickte auf das schimmernde Papier, das in der schwachen Lampe kalt glänzte.
„Ein Vertrag“, sagte er. „Eine Ehe auf dem Papier. Keine Gefühle, keine Bindungen. Ein Arrangement. Sie repräsentieren mich öffentlich – als meine Ehefrau. Im Gegenzug begleichen wir alle Ihre Schulden. Ihre Familie wird frei sein.“
Lea starrte das Dokument an. Die Worte tanzten vor ihrem inneren Auge. Sie konnte das Gewicht spüren, das auf ihr herumlastete – mehr als nur Papier und Tinte.
„Warum gerade ich?“, fragte sie leise, ihre Stimme ein Flüstern zwischen Hoffnung und Misstrauen.
Alexander lächelte nicht. „Weil Sie nicht nur eine Künstlerin sind. Sie haben Integrität, eine Authentizität, die in meiner Welt selten geworden ist. Und vor allem, Sie haben nichts zu verlieren.“
Seine Worte griffen in ihr Innerstes. Der Gedanke, endlich ihre Familie aus dem Würgegriff der Schulden zu befreien, stach wie ein scharfes Messer und brannte zugleich eine Spur der Angst in ihr Herz.
„Und was, wenn ich ablehne?“, fragte sie mit bebender Stimme, obwohl sie die Antwort fürchtete.
„Dann…“, seine Stimme wurde eisig, „sehen Sie zu, wie alles, was Ihnen lieb ist, zerbricht.“
Die Stille, die folgte, war erdrückend. Das Ticken der alten Wanduhr in der Ecke klang wie ein Countdown zu einer Entscheidung, die ihr Leben für immer verändern würde.
Lea spürte, wie sich die Zeit dehnte und gleichzeitig rasend schnell verging. Sie konnte das Gewicht der Blicke auf sich spüren – von Alexander, von ihrem eigenen verzweifelten Herzschlag.
Sie nahm die Feder in die zitternde Hand. Die Linien vor ihr verschwammen kurz, während Tränen in ihren Augen brannten. Die Frage brannte in ihr:
Würde sie den Vertrag unterschreiben, um ihre Familie zu retten?